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Der 13.September 1759 - zweihundertfünfzig jahre nach diesem Schicksalstag rüsten die Kämpfer um die Abraham- Ebene erneut zum Streit und das an allen Fronten: historisch, politisch, und warum nicht auch militärisch. An jenem Septembertag mitten im siebenjährigen Krieg, in dem sich im wesentlichen England und Frankreich gegenüber standen, sprengten die britischen Truppen unter Führung von ihrer allergnädigsten Majestät General James Wolfe unterhalb der Stadt Quebec in zwanzig Minuten die Schlachtordnung der französischen Armee mit einem Blitzangriff. Oder vielmehr, mit einem "Nichtangriff". Wolfe stellte dem Gegner, dem Marquis Louis-Joseph de Montcalm, eine Falle als er seine Truppen in Schlachtordnung brachte und dann abwartete. Als Montcalm um zehn Uhr morgens zum Angriff blasen ließ, ist die Schlacht bereits entschieden, zumal die einen den anderen auch zahlenmäßig unterlegen sind. Die Britten haben französisch Kanada im Sack: die angelsächsische Weltherrschaft kann beginnen !

Grandiose Feierlichkeiten zur Erinnerung an dies Ereignis geben Anlass zu lebhaften Diskussionen, die sich in der kanadischen Presse, in der frankophonen wie in der englischsprachigen widerspiegeln. Als erste steigen Historiker in die Kontroverse ein. In Frankreich, in Kanada, in Großbritannien scheiden sich die Geister an zwei Auslegungen: welche Bedeutung hat die Schlacht, welche Bedeutung hat der ganze Krieg? Ging Kanada wirklich mit den Kämpfen in der Abraham-Ebene aus dem französischen ins britische Imperium über? Und war der siebenjährige Krieg nicht gar der erste Weltkrieg?

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Auf die erste Frage antworten manche, dass die Würfel bereits gefallen waren, dass die Franzosen strategisch schon verloren hatten, das Ludwig der fünfzehnte schon entschlossen war, die fernen Ländereien aufzugeben - wie Voltaire sagte: "Glücklich kann Frankreich auch ohne Québec sein". Andere wehren sich gegen diese Vorstellung, ja überhaupt gegen den Gedanken an eine Art Pseudo-Aufgabe - niemals hätte Frankreich, selbst nicht im tiefsten Unterbewußtsein, derartig schlechte Absichten gehegt.

Auf die zweiten Frage hat der Forscher Jonathan R. Dull mit einem sehr detaillierten Buch über den siebenjährigen Krieg eine sehr gründlich ausgeführte Antwort: ja, es handele sich mit den Worten Winston Churchills um den "ersten tatsächlich weltweiten" Krieg. An zwei Schauplätzen, in Nordamerika und in Europa, standen sich zwischen 1754 und 1762 Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich, Russland und Spanien gegenüber, um nur die Hauptbeteiligten zu zitieren.

Andere jedoch geben einer anderen Riesenmetzelei den Vorzug und setzen den Cursor für die erste weltweite Apokalypse ein Jahrhundert später, 1855, auf den Krimkrieg. Da ziehen Ottomanen, Engländer, Franzosen und Sarden mit ihren Armeen vereint gegen die Russen. Die industrielle Revolution bringt schwere Waffen ins Spiel und jetzt geht es (bereits) darum, den Orient an einer Vorherrschaft zu hindern...

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Auf aktuellerem und wackligerem Boden entfacht die Schlacht auf der Abraham-Ebene aufs neue alte Feuer: anlässlich der (sich wahrhaft grandios ankündigenden) Feierlichkeiten wird ein vierundzwanzigstündiger Lektüremarathon den Tatort beschwören. Da soll auch das Unabhängigkeitsmanifest der Befreiungsfront von Quebec, das in den sechziger Jahren zum bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit oder gar zum Terrorismus aufrief, zum Vortrag kommen. Manche Mitglieder der Quebecpartei sehen darin eine Provokation, wie auch in der Idee, die Schlacht nachzupielen. Während Jean Charest, der gegenwärtige Ministerpräsident von Quebec ganz einfach die Feierlichkeiten boykottiert und seine Regierung die Unterstützung von 22 000 kanadischen Dollar für das Ereignis zurücknimmt: die illusorische Zurückweisung einer Gewaltbereitschaft, die sehr reell ist.

Für andere Separatisten und für die Organisatoren wie auch für die vorgesehenen Lektoren steht dieser Text, so gewalttätig wie er ist, ganz wie die Schlacht der Ebenen von Abraham für die bewegte Geschichte dieses scheinbar so friedlichen Landes...

Zur Lektüre empfiehlt sich die spannende Serie von Christian Rioux für Le Devoir zum 13 September 1759

S. a. das Sujet zum Krimkrieg auf der Webseite AlephTV

Schließlich zum aktuellen Stand der Polemik um die Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Schlacht auf der Abraham-Ebene: die National Post.