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Als ich zum erstenmal nach Moskau fuhr, 1990, war das noch zu Zeiten der Sowjetunion. Das Land besaß bürokratische Strukturen aller Art, die das wirtschaftliche, soziale, universitäre oder Alltagsleben organisierten. Hinter pompösen Bezeichnungen versteckten sich oft winzige Büros mit ein oder zwei Mitarbeitern. So war es auch mit dem Institut für Lebenshygiene und Bekämpfung sexuell übertragbarer Krankheiten - mit der sich ausbreitenden Liberalisierung in der Perestroika
hatte Russland gerade Aids entdeckt, hierzulande Spid genannt: die enorme Aufgabe war zwei Menschen anvertraut: Vera, einer Ärztin über 60 und Igor, einem jungen Soziologen, der gerade mal 30 Jahre alt war. Die beiden bildeten ein wunderbares Paar, voller Komplizenschaft, Humor und Intelligenz, und vor allen Dingen taten sie genau das Gegenteil von dem, was sie gegen alle Widerstände und mit sehr geringen Mitteln propagierten - Nüchternheit, Askese und Abstinenz: sie waren für jeden Excess zu haben: Alkohol, Zigarette, durchwachte Nächte, das ganze Programm.

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Als ich die Tribuna der letzten Woche las, musste ich an sie denken. Die Wochenzeitschrift schlug Alarm wegen der Autofahrer, vorallem in den Städten, wegen der exponentiell steigenden Zahl verletzter, oft sogar getöteter Fußgänger, vorallem auch Kinder. Der Artikel beschreibt die Verkehrsadern der neuen russischen Megalopolen als gefährliche, oft nicht zu durchquerende Ströme und berichtet, dass man einem einzigen Mann die Aufgabe anvertraut habe, diese neue Mortalitätsursache, die das Land mit der wirtschaftlichen Liberalisierung und der Explosion des Autohandels entdeckt hat, einzudämmen. Einer Studie zufolge beachten russische Autofahrer kaum die Straßenverkehrsordnung, fahren unbekümmert in Gegenrichtung durch Einbahnstraßen, und gebärden sich oft sehr aggressiv (obwohl: letzteres scheint überall so zu sein). Russland halte sogar den Weltrekord mit 12 Unfällen auf 10 000 Autos und 35 000 Toten pro Jahr. Der mit dem Fall befasste, stellvertretende Staatsanwalt kündigt eine ausgedehnte Planung von Überwegen, neuen Regeln, verstärkten Kontrollen an und man kann nur hoffen, dass er nicht bei einer Geschwindigkeitsübertretung oder als Falschfahrer erwischt wird...

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Auch in Belgien schwebt der Tod über den Blättern. Le Soir aus Brüssel behauptet, dass wir fürchten oder ahnen, dass das Handy Krebs hervorruft. Das internationale Krebsforschungszentrum hat in dreizehn Ländern unter der Bezeichnung Interphone eine Studie durchgeführt und die Zeitung hat sich die ersten - niederschmetternden - Ergebnisse besorgt: für alle, die seit mehr als zehn Jahren ein Handy benutzen ist das Krebsrisiko "signifikant höher". Aus den Untersuchungen von langjährigen Handybenutzern in Nordeuropa, Großbritannien, Deutschland und Frankreich geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Gehirntumor zu entwickeln, sich in Skandinavien, trotz strenger Normen um 60 % und in Deutschland um 120 % erhöht.

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Ein "regelmäßiger" Handybenutzer, so wie in Interphone definiert, ist ein äußerst bescheidener: ein Mal in der Woche über sechs Monate. Finden Sie in ihrer Umgebung einen Handybenutzer, der nicht mehr als einmal in der Woche zu seinem Telefon greift. Haben Sie ihn? Dann bravo! Immer mehr Bürger schließen sich zusammen gegen die Telefongesellschaften, nicht nur der Kosten halber, sondern auch um strengere Auflagen, zum Beispiel für die Einrichtung von Mobilfunkantennen, zu erreichen. Als die belgische Zeitung ihre Titelseite dem Thema widmete, fand am gleichen Tag in Namur eine Demonstration für strengere Strahlungsnormen statt. Interphone führt seine Forschungen weiter und hofft im nächsten Jahr eine fundiertere Meinung abgeben zu können.

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In Irland riskiert weder der Vielredner noch der Fußgänger sein Leben, sondern der Arbeiter (und wenn der dann noch zu Fuß zur Arbeit geht, das Handy am Ohr, hat der Arme ganz schlechte Karten). Der irische Examiner berichtet, dass auf einer internationalen Konferenz in Dublin festgestellt wurde, dass 25 % der Suizide in Europa, in allen Altersgruppen, auf Mobbing und Brutalität in öffentlichen und privaten Betrieben zurückzuführen sind. Das Phänomen nimmt ständig zu, manchmal ungewollt, öfters jedoch systematisch im Rahmen der Arbeitsorganisation angewandt, wenn man Jacinta Kitt folgen will, der Autorin eines lang erwarteten Buchs zu diesem Thema, das Anfang des nächsten Jahres erscheinen wird. In dieser Sache wie auch in anderen Angelegenheiten bedauert die irische Zeitung, dass keine Harmonisierung europäischer Gesetzgebung existiert. Ist das nicht die Höhe in einem Land, dass noch vor kurzem Europa ablehnte?

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Wenn man Ihnen in Quebec die Rechnung bringt, müssen sie das Trinkgeld drauflegen, es sei denn, sie verlangen "Chaises tout inclus" (wörtlich etwa "inklusive Sitzgelegenheiten" d.Ü.). Man sollte den Leuten heutzutage immer nach der Methode "alles inklusive" ankündigen: ihr wollt ultra-mobil telefonieren - da habt ihr eure Geräte inklusive Krebsgespenster; ihr wollt immer schnellere Autos - da habt ihr sie, inklusive Verkehrstote, ihr wollt Arbeit - die gibts wenn ihr sie inklusive Mobbing annehmt...