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Morgen hält das ganze Land den Atem an. Kanada bereitet sich auf ein bedeutendes Ereignis vor: fast vier Monate nach den Australiern werden die Autoritäten des Landes die Angehörigen der Urnationen ihres Bundesstaates feierlich um Vergebung bitten. Um Vergebung im Besonderen für das Unrecht an den, in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, zwangsweise eingeschulten Kindern. Moosonee, an den Ufern des Moose im Norden Ontarios, ist eine Stadt mit 3000 Bewohnern, die nur per Eisenbahn zu erreichen ist. Die letzte, noch terrestrisch mit dem restlichen Land verbundene Anlaufstelle vor den verstreuten, noch weiter nördlich gelegenen Ansiedlungen. Dort lebt Marguerite Wabano, 104 Jahre alt. Laut Globe and Mail nennt sie keiner anders als Granny Wabano. Ihr Foto mit vielen Falten im lächelnden Gesicht erscheint auf der Titelseite der großen kanadischen Tageszeitung. Denn morgen wird man Granny ehren wie eine Königin. Zusammen mit fünf anderen, noch Lebenden, wird sie im Parlament sitzen. Premierminister Stephan Harper wird sich dann im Namen der ganzen Nation entschuldigen.

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Granny ist eine der letzten, die von jenem Progamm zeugen können, dass dazu gedacht war, Ureinwohnerkinder zwangsweise, weit weg von ihren Familien, ihrer Sprache und Kultur, zu erziehen. 1908 erklärte der Minister für Indianische Angelegenheiten, Frank Olivier, dass mit dieser Einschulung "Indianerkinder aus der Versklavung herausgehoben, zu selbstbewußten Staatsangehörigen und, warum nicht, zu gutsituierten Mitbürgern gemacht würden".

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Ein paar Jahre später, 1920, wurde Anweisung gegeben, alle Ureinwohnerkinder im Alter von 7 bis 15 Jahren zusammen zu holen und in christliche Einrichtungen zu bringen. Heute steht nach einer lang dauernden Untersuchung fest, dass die Kinder nicht nur dem Verbrechen zwangsweiser Akkulturation zum Opfer fielen, sondern viele von ihnen von ihren Lehrern sexuell missbraucht wurden, ganz abgesehen von schlechter Behandlung und schlechten Lebensbedingungen. Das ganze Ausmaß des Schadens ist noch immer nicht abzusehen, ebenso wenig wie die genaue Zahl der Opfer.

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Die hervorragende, konservative National Post stellt daher folgende Frage, die ebenso auch in Südafrika, Chile oder Sierra Leone gestellt werden könnte: "Sind Wahrheit und Vergebung mit einander vereinbar?" Die vor kurzem eingerichtete Kommission wird fünf Jahre brauchen, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ihr Vorsitzender, der Richter Harry Laforme - er ist der erste Angehörige der Ureinwohner, der in einem kanadischen Appellationsgericht sitzt - denkt jedenfalls, dass das Land nun endlich die Prüfung seiner dunklen Vergangenheit zu Ende bringen kann. Aber er weist auch auf das Paradoxe des Verfahrens hin: "die noch Lebenden wollen keine Vergebung. Sie wollen Gerechtigkeit und zwar vor den Gerichten."

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Doch morgen hält das ganze Land inne. Die Unternehmen sind aufgefordert, ihr Mitarbeiter für die Dauer der Zeremonie nach Hause gehen zu lassen. Die Schulen sollen sehen, dass kein Schüler der nationalen Bußaktion fern bleibt. Aber niemand wird Granny Wabano zu nahe kommen können. Mit der Weiheit ihrer hundert Jahre hat die alte Dame sich die Kameras verbeten.