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Meine Freundin Dong Chun ist eine außergewöhnliche Frau: seit mehreren Jahrzehnten Journalistin der Nouvelle d’Europe, der populären chinesischen Tageszeitung für die chinesische Diaspora in Europa, Baudelaire-Übersetzerin und auch noch Autorin mehrerer Untersuchungen in vergleichender Literatur und Dichtkunst. Bei Diskussionen über das heutige China findet die kleine Frau, die harte Zeiten in der Kulturrevolution überstanden hat, oft treffende Antworten, die ihren erlauchten Kollegen vom alten Kontinent die Sprache verschlagen. Vor zwei Wochen hat sie mich in meiner neuen Heimatstadt Montargis besucht. Sie ist vorbeigekommen, hat chinesische Ravioli und andere Köstlichkeiten abgelegt, hat ihren kleinen Rucksack wieder angeschnallt und ist mit einer Freundin aus Hongkong, auch mit Rucksack, entschlossen wieder losgezogen in Richtung Stadtzentrum und auf den Spuren derjenigen, die das Reich der Mitte einst glücklicheren Zeiten zugeführt. Als ich sie so dahinwandern sah, kamen mir Zweifel, ob je die Eroberung der Welt durch China aufzuhalten wäre.

In diesem Jahr des Hasen aus weißem Metall feiert China am 1. Juli den 90jährigen Geburtstag seiner kommunistischen Partei, einer der letzten, die wachsamen Auges auf die Welt von morgen schauen, während die Uhren aller anderen nach und nach, seit jenem November 1989 abgelaufen sind, als damals eine Mauer fiel und eine alte Welt verschwand.Gerade ist noch ein weiteres marxistisches Regime gefallen, auf demokratische Weise und ganz still, nämlich im indischen Westbengalen am der Grenze zu China.

Natürlich sind die Feierlichkeiten großartig, bietet sich doch die Gelegenheit der Welt zu zeigen, dass sich ein kollektivistisches System anderen erfolgreich sie Stirne bieten kann, eine gewinnbringenden Industrie besitzt und ein sozialistisches Projekt der ersten Weltmacht, dem Sozialverräter Amerika als zweite Weltmacht entgegenzuhalten vermag.Alle Welt weiß heute, dass die unglaubliche Verbindung von reinem Kommunismus und hartem Kapitalismus ein Viertel der Menschheit einer strahlenden Zukunft zuführt.

Aber wer kennt schon die wahren Ursprünge der kommunistischen Partei und der chinesischen Revolution, außer den Chinesen selbst, die sich jedes Jahr auf eine kleine Stadt im Süden von Paris stürzen, die auch das Venedig des Gatinais genannt wird, nur um den Spuren der Helden des neuen China nachzugehen? Dabei wird seit über 60 Jahren in China selbst und seit 90 Jahren in heimlichen Zirkeln der zukünftigen Aufständischen Montargis (so heißt die kleine Stadt) gerühmt und gefeiert und den Namen auszusprechen wirkt fast wie ein Talisman.Es hat bis 1982 gedauert, bis Deng Xiaoping an die Spitze des Reichs der Mitte trat, dass die Legende sich über die ganze Welt verbreiten konnte: die chinesische kommunistische Partei wurde von einer Handvoll Studenten und Arbeitern der Kautschukindustrie in Frankreich gegründet. Es ist den Launen eines chinesischen Philantropen zu verdanken dass sie nach Montargis kamen. Li Sheng kam gegen Ende des 19ten Jahrhunderts in der Familie eines Mandarins zur Welt, einer Famlie die den Kaisern viele hohe Staatsdiener geschenkt hat.

Li wurde zum Studium der Landwirtschaft auf eine der ältesten Landwirtschaftsschulen Frankreichs, das Lycée du Chesnoy in Montargis geschickt. Ihm gefiel die Stadt der drei Kanäle und zwei Flüsse und er erzählte seinem Freund Sun Yatsen von ihr, der eben Präsident der neuen chinesischen Republik geworden war (1912). Unverzüglich wurde eine Arbeiterstudentengruppe aufgestellt und hunderte von jungen Männern und Frauen nach Montargis geschickt um dort zu lernen und zu arbeiten (eine Art Vorform dessen was später unter dem Slogan "Intellektuelle aufs Land und in die Fabriken" veramstaltet wurde).

Unter den erwählten waren auch jene, deren Namen später als die der Weggefährten Mao Tsetungs auf dem Langen Marsch in die strahlende Zukunft widerhallten: Cai Hesen, Li Fuchun, Chen Yi für die Männer und Xian Jingyu für die Frauen. Und vorallem Zhu Enlai und Deng Xiaoping, die jenseits der großen Mauer bekanntesten,Die Jungen Leuten ergingen sich in heißen Diskussionen mit französischen marxistischen Gewerkschaftlern oder stritten sich um eine Liebe, die nicht geteilt wurde. Und einige gründeten in ihrem Elan die geheime chinesische kommunistische Partei.

So kam es, das Deng Xiaoping, als er Generalsekretär der chinesischen kommunistischen Partei und Leiter der Volksrepublik China wurde, der Welt erklärte, das alles von Montargis ausgegangen war und er lud anläßlich eines Besuchs von François Mitterand den Bürgermeister von Montargis (der damals ein Kommunist war), Max Nublat, mit ein, der dann sehr erstaunt als erster (vor den Bügermeistern von Lille und Lyon!) unter einer Banderole mit seinem Namen aus dem Flugzeug komplimentiert wurde um in einer luxuriösen Limousine zum Tienanmenplatz gefahren zu werden, wo Deng persönlich in erwartete und umarmte.

Seither und dank des China-Monargis-Vereins (der eine direkte und persönliche Verbindung "nach oben" hat, fast wie seine Schüler zum HERRN) können Besucher die Wasserlandschaften von Montargis über einen zweisprachig ausgezeichneten Wanderpfad erkunden und sich den Schauder eines Gangs durch die Geschichte über den Rücken laufen lassen - oder den einer feuchten Umgebung... Wie auch zig chinesische Journalisten, die in diesem Jahr 2011, dem des 90ten Geburtstages, herkamen um Filme zu drehen oder Fotos zu machen von der Stadt im Wasser von der der große Sprung nach vorn damals ausging. .