Afghanistan: Schon fast vergessen, trotz der Attentate, trotz der Kampfhandlungen. Man sah die Situation auf dem Weg zur Normalität. Andere mörderische Konflikte drängten die afghanischen in den Hintergrund. Bis uns Le Temps (Die Zeit), die französischsprachige schweizer Tageszeitung, diese Woche erneut aufrüttelt. Das Blatt, eine Referenz für Kollegen und Publikum, bringt ein Portrait "des" Kommandanten Kaftar, afghanischer Warlord und - Frau. Eine Kriegsherrin in allen Konflikten: zuerst gegen die Sowjets, dann gegen die Taliban. Kaftar ist ein Name, den ihr "ihre" Männer, 200, im ärgsten Kampfgetümmel gegeben haben. Kaftar (persisch), deutsch Taube - ein merkwürdiger Kosename für eine Kriegerin, die, wie niemand sonst, die Kalaschnikow handhabt und es im Körperbau mit jedem Möbelpacker aufnehmen kann. Die Männer bringen übrigens, wenn sie von ihr reden, nur mit Mühe das "sie" über die Lippen. Heute läßt sich Bibi Ayisha (ihr tatsächlicher Name) von ihren Töchtern bemuttern (zwei ihrer Söhne sind im Krieg umgekommen), bleibt jedoch die Taube. Körperlich von Gelenkschmerzen geplagt, lebt sie mit mörderischen Erinnerungen, in denen Taliban und Russen um die Wette Schrecken verbreiten...

Dem Leser - der Leserin kommt unwillkürlich Phoolan Devi, die "Räuberkönigin" aus dem Norden Indiens in den Sinn. Sie wurde in einer Fischersfamilie geboren, in einer mißachteten Kaste, wurde mit 11 Jahren verheiratet, mit 18 vergewaltigt, wurde mit 20 Rächerin und Bandenchefin, ging mit 23 ins Gefängnis bevor sie mit 36 (obwohl Analphabetin) ins Parlament gewählt und mit 38 Jahren ermordet wurde.

Einmal auf dem Weg rückwärts in die Vergangenheit, kommen wir zu anderen, uns bekannten, Kriegerinnen, etwa zu Marie Skobzow, genannt Mutter Maria, russische Aristokratin, die ihre Feuertaufe bei den Weissen hatte, bevor sie sich mit der Waffe in der Hand auf die Seite der Revolutionäre schlug, nach dem Verlust ihrer Kinder ins Kloster ging und nach Dachau deportiert wurde, weil sie Juden gerettet hat. Oder natürlich Jeanne, der Bastard, der die französischen Armeen in einem selten furchtbaren Gemetzel gegen die Engländer führte.

Und auch, Mythologie zwischen Legende und Wirklichkeit, jene Amazonen, vielleicht slawische Frauen vom Schwarzen Meer, die sich die Brust abschneiden, um den Bogen besser führen zu können, oder auch die skandinavischen Walküren, jungfräuliche Dienerinen des Gottes Odin, Schlachtenlenkerinnen, die nach Gutdünken den Tod austeilen...

Wer kann da noch behaupten, daß Frauen in dieser Materie weniger begabt seien als Männer? Leider niemand...


Tom Coghlan, der "Kaftar" im Frühjahr 2006 für die BBC interviewte, zitiert sie mit dem Satz:"Frau oder Mann, ich mache da keinen Unterschied, wenn sie oder er ein Kämpferherz hat". Photo der Warlady.

Bibi Ayisha - so hieß auch eine der Frauen des Propheten, die ihn um viele Jahre überlebte und für die Überlieferung von allergrößter Bedeutung war.

Phoolan Devi, Uttar Pradesh 1963 - Neu Dehli 2001.
Shekhar Kapur’s Film "Bandit Queen", 1994, mit Seema Biswas in der Titelrolle, wurde seinerzeit nach einigem Hin und Her auf Verlangen von Phoolan Devi per Gerichtsbeschluss in Indien abgesetzt.