Eine seltsame Rückblende geht mir durch den Kopf: zwei Kindheitserinnerungen,

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beinahe meine ersten, wie mir scheint. Die eine fröhlich, licht, anregend, die andere tragisch, dunkel, umtreibend. Bilder zu beiden Ereignissen kommen mir beim Nachdenken wieder ins Gedächtnis, 50 Jahre später, wenn man heute das eine Ereignis feiert, das andere diskreter wieder vermerkt. Dabei hatten wir damals kein Fernsehen, nur ein Transistorradio.

Das Ganze begann mit einem Eifersuchtsanfall gegen meinen älteren Bruder. Ich bin 4 Jahre alt, er neun und man hat ihm einen batteriebetriebenen kleinen Sputnik geschenkt. Keine vulgäre Rakete, nein, einen richtigen Sputnik, das Vorbild desjenigen mit dem in wenigen Stunden der große Juri Gagarin, der Sowjetmensch in höchster Vollendung, ins All fliegen wird. Fast ein Viertel der Familien Frankreichs jubelt ihm an jenem 12 April 1962 zu (im November 1962 erreicht die kommunistische Partei mit fast 22 Prozent der Wählerstimmen ihren Höhepunkt).

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Der Neue Mensch, eine Mischung aus welterobernder Technologie, Glücksgefühlen und Kollektivismus, erhofft und ersehnt von den russischen Revolutionär/inn/en des 19ten Jahrhunderts, von der künstlerischen Avantgarde des 20sten - endlich ist er da. Hört, hört, ihr Bürger der ganzen Welt! Der Astronaut landet auf unserem süßen Planeten und ruft: "Ich bin ein Sowjetbürger und ich komme aus dem Weltall!"

Der kleine Sputnik ist derweil ein derart verführerischer Gegenstand, das ich vom schieren Habenwollen Krämpfe kriege, zumal wenn er sein bip bip von sich gibt. Noch lange bleibt mir dieser ständig sich wiederholende Ton im Ohr, kaum hörbar aus dem All, umso aufdringlicher aus dem Spielzeug. Umsomehr, als ich ihn mit einem strahlend schönen jungen Mann verbinden kann: vom Regal der väterlichen Bibiliothek herunter lacht er mich an aus seinem millionenfach reproduzierten Foto mit Widmung. Doch ich werde mir bewusst, dass ich ein Mädchen bin und zudem zu klein um ins virtuelle Weltraumnirvana einzugehen. Bip Bip, Bip Bip...

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Während ich mich in Bewunderung des schönen Juri, der im Kampf um den Weltraum einen ersten Sieg über die Amerikaner errungen hat, verzehre, zollen meine Eltern ihm und seinem Erfolg uneingeschränkt fröhlichen Beifall. Doch des Abends verschließen sich ihre Gesichter und sie sprechen halblaut über eine andere Neuigkeit: Adolf Eichmann, einer der Organisatoren der "Endlösung" der Nazis, des Genozids der Juden, erscheint vor einem israelischen Sondergericht. Das war am Vorabend des Weltraumfluges und das Echo vom Prozess durchläuft die Welt, wenn auch ohne allzuviel Nachhall, denn die Welt hat keine große Lust, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen.

Natürlich verstehe ich garnichts, weiß garnichts von dieser Geschichte, auch nicht, wie sehr sie meine Famillie mütterlicherseits betrifft. Alles bleibt dunkel, meine Familie spricht darüber im Flüsterton, unscharfe Bilder entstehen, als sei in unserer Wohnung das Licht ausgeschaltet worden.

Jahre später jedoch überkommt mich im Rückblick auf jenen Prozess die überwältigende Klarheit. !974 bin ich 17 Jahre alt und falle in einem Antiquariat zufällig auf "Eichmann in Jerusalem, ein Bericht von der Banalität des Bösen", die Chronik, die Hannah Arendt während des ganzen Prozesses für den New Yorker schrieb.

Zwei Tage lang zieh ich mich zurück bis ich das Buch von vorn bis hinten durch habe. Am Ende schlag ich es zu, starr vor Staunen über die Aufschlüsse die es mir gegeben: für mein Weltverständnis überhaupt, für die Einsicht in die komplexen Verhältnisse im vorderen Orient, und endlich auch für meine eigenen biographischen Fixpunkte.

Das Buch hat als Vorlage gedient für den Film "Ein Spezialist" von Eyal Sivan und Rony Brauman, diesem außergewöhnlichen Dokument, das auf fast neunmonatigen filmischen Aufzeichnungen der Verhandlungen des Eichmannprozesses aufbaut. Dreihundertfünfzig Stunden Videofilm, die bis dahin unbearbeitet in den Kellern der Hebräischen Universität Jerusalem lagerten.

An Hannah Arendt und den "Schreibtischtäter" war ich dann wieder erinnert, als ich für TV5Monde über den Prozess Maurice Papon zu berichten hatte. Hannah Arendt, ihre Werke und die Texte über sie, ihr Leben und ihre Arbeit haben unter meinen Büchern ihren besonderen Platz.

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Den schönen Juri habe ich auch nie ganz vergessen. Als ich 1990 zum erstenmal in Russland war und den Leninsky Prospekt entlang zum Intitut für Universalgeschichte ging, stoperte ich wiederum über ihn da oben auf seinem Pfeiler, auf du und du mit dem Himmel. Da hat er den Blick frei auf die Prachtallee über die er seinerzeit als der große Held paradierte, als er von der Menge umjubelt am 14. April 1961 auf die Erde zurückgekehrt war.

Noch einmal 15 Jahre später sah ich ihn flüchtig wieder in einem herrlichen russischen Film von Alexej Utschitel, "Kosmos als Vorahnung": ein junger Mensch vom Land und nicht übermäßig klug, behauptet dass er eines Tages Juri Gagarin treffen werde, und seine (miesen) Freunde machen sich über ihn lustig. Und natürlich passiert es, dass er ihn schließlich sieht, das heißt, er sieht seine Stiefel und seine Hosenbeine und hört seine Stimme, auch wenn niemand das je erfahren sollte.

So bleibt mir mein Bip bip, bip bip, bip bip...