Jahr für Jahr zum Wonnemonat Mai zieht ganz Rußland um. Das ist auch der Tageszeitung Iswestija nicht entgangen. Der Umzug ist dem Blatt - derer eins, die ihre Geschichte haben - den Aufmacher wert. Und wohin ziehen all die Russen, die gepäckbeladen in allen Bahnhöfen landauf, landab die Züge stürmen? Zur Datscha.

Aber im Unterschied zu den Westlern geht es hier nicht ums Luftschöpfen, ums Ausruhen am Zweitwohnsitz. Es geht um Arbeit. Der Boden muß beackert werden, Früchte und Gemüse sollen gedeihen, vorallem jedoch die Kartoffeln. Eine Bereicherung des winterlichen Menus bei den einen, bei anderen steht das Überleben auf dem Spiel. Die Datscha (von datj, geben: zugeteiltes Land) ist nicht nur wirtschaftlich mehr als ein Schrebergarten und sie datiert aus sowjetischen Zeiten.

In der Not brachte sie Linderung des Mangels. Jede Fabrik, jedes Unternehmen verfügte über Datschen zur Verteilung an Arbeiter und Angestellte. So entstanden Gruppierungen nach Berufen und Industriezweigen. Und weil die Gewohnheit nun einmal da ist, geben die Russen ihre Selbstversorgung nicht einfach auf, auch wenn es alles zu kaufen gibt. Vom Ersten Mai, dem Tag der Arbeit bis zum neunten, dem Tag des Sieges über die Deutschen macht Rußland Ferien. Nicht wie an irgendsoeinem verlängerten Wochenende, eher schon wie anderswo zum Almauftrieb.

Wie titelt doch so schön die ehrwürdige Literaturnaja Gazeta: Noch so ein Überbleibsel aus der UdSSR... Rußland zählt heute von allen Ländern die meisten Ferientage, gleichauf mit Japan. Das sollte man sich merken für den Fall, daß einer mit dem Vorurteil daherkommt, die Franzosen würden nicht arbeiten oder nicht genug arbeiten...


Die "Datscha" war einmal eine aristokratische Einrichtung. Zar Peter I. vergab Land in der Umgebung von Peterburg und Petershof. Sein Adel sollte konkurrieren im Bau prestigeträchtiger Landhäuser in gepflegten Parkanlagen. Bald gefiel sich die aristokratische Gesellschaft in Zusammenkünften "auf der Datscha". Ebenso im 19. Jahrhundert die aufstrebende Bürgerlichkeit. Revolution, Abschaffung des Privateigentums, Neue Ökonomische Politik usw. änderten die institutionellen Voraussetzungen. Es entstand, weitverbreitet, die heutige Einrichtung eines kleinen, quasi privaten Grundstücks, zwar nach wie vor als elitäres Privileg, aber auch als Element einer Überlebensstrategie, das der russischen Volkswirtschaft bis heute eine im Vergleich zu westeuropäischen Ländern wohl deutlich höhere "Elastizität" verleiht. Seit 1999 ist der Durchschnittslohn wieder gestiegen (auf 60 Dollar im Monat) und die Rentenzahlungen haben sich fast verdreifacht, doch 2003 leben noch immer 60 Prozent der Menschen von "Selbstversorgung". Etwa die Hälfte aller Haushalte verfügt über ein Stück Land, Garten, Acker, Datscha.

In Deutschland kannte man Armen- und Schrebergärten, Laubenkolonien etc. seit der Mitte des 19ten Jahrhunderts. In Folge der Erfahrungen in den Notzeiten des 1. Weltkrieges regelte die Republik Pacht- und Nutzungsrechte. Die Freizeitgärtner von heute lassen die Bedeutung der Kleingärten in Notzeiten höchstens ahnen. - Übrigens zählte auch Frankreich am Ende des zweiten Weltkriegs 250 000 "Arbeitergärten" (Jardins ouvriers).