JPEG - 343.8 kB

Während ein Teil der Welt dem Niedergang entgegengeht, tauchen unter den Schlagzeilen, die der Finanzmisere gewidmet sind, plötzlich zwei Gesichter auf, zwei wenig empfehlenswerte Persönlichkeiten, von denen man lieber nichts gehört hätte. Umsomehr, als die Ereignisse aus ihnen mythische Figuren werden liessen. Der eine ein gefallener Stern, der andere ein aufsteigender...

Schauen wir erst einmal in die Vereinigten Staaten, auf O.J Simpson, einen der berühmtesten Footballer aller Zeiten. In seiner Affaire stellt sich die Frage: was wird aus der Unschuldsvermutung in einem Rechtsstaat? Was wird aus der Wahrheit in einem Gerichtsverfahren? Man erinnert sich an 1994, an Bilder von einem OJ, in seinem dicken Schlitten auf der Flucht durch ganz Kalifornien, nach der Entdeckung der Leiche seiner ermordeten Frau Nicole. Seine Flucht wurde per Fersehkameras in einem Hubschrauber life in die ganze Welt übertragen, so wie die Tour de France... Der Star wurde schließlich verhaftet, vor Gericht gebracht und am Ende vom Mord an seiner Frau freigesprochen. Fünfzehn Jahre danach wird er aufs neue festgenommen, diesmal wegen gewaltsamen Diebstahls von Trophäen, die ihm einst gehörten und von denen Händler sich gute Geschäfte versprachen... Dafür wurde er jetzt verurteilt und kann sich nun auf eine lebenslängliche Gefängnisstrafe gefasst machen.

JPEG - 165.8 kB

Das Problem ist weniger der neuerliche Prozess, auch wenn der sicherlich Fragen aufkommen lässt, als vielmehr die einstimmige Reaktion in der ganzen Welt: "13 Jahre danach endlich verurteilt!" "Der Moment, in dem OJ endlich schuldig gesprochen wird" titelt die englische Sunday Times; "OJ endlich schuldig" heißt es in den Gulf News aus dem mittleren Orient; "Nach 13 Jahren der allseits begrüßte Schuldspruch", meint die sehr konservative New York Post. Das zeigt deutlich, dass es sich um einen nachgeholten Schuldspruch, um nicht zu sagen um Rache, handelt, was von einer rückhaltlos parteiischen Presse zustimmend aufgenommen wird... Der Footballer schmachtet im Gefängnis, während seine Reliquien im Licht der neuerlichen Publicity gewinnversprechend zur Versteigerung kommen...

JPEG - 391.5 kB

In Europa erhält ein gefallener Stern neuen Glanz, den man lieber nicht wieder hätte erstrahlen lassen. Am vorletzten Wochenende fuhr Jörg Haider, Wiener Promotor der wiedererwachten extremen Rechten mit 150 Sachen durch ein Dorf. Nach polizeilichen Angaben war er betrunken, verlor die Kontrolle über seinen Boliden und brachte sich ums Leben, knapp zwei Wochen nach seiner Rückkehr ins Spiel um die Macht, ganz oben nach den Wahlergebnissen in Österreich. Abgesehen vom Äußeren eines modernen Walzertänzers war an dem Mann nichts Elegantes, weder in seinen, von einem kaum verhehlten Neonazismus durchdrungenen, Ideen, noch in seiner politischen, von Korruptionsaffairen gezeichnetenTätigkeit. Dennoch ist sich die Presse im ganzen alten Kontinent einig: sein Tod erhebt ihn ins Pantheon moderner Politiker. "Die Presse", eher links gerichtet, malt dergestalt, zweifellos unbewusst, das aufpolierte neue Image des Politikers, wenn sie auf ihrer Titelseite ein pointillistisches Portrait von ihm bringt, das aus zig Fotos des dahingeschiedenen besteht und dazu titelt: "Die vielen Gesichter des Jörg Haider". "Der Tod bingt ihn dem Mythos näher" schreibt die Kleine Zeitung, während der Kurier "eine Neubewertung seines Erbes" ankündigt. Der äußerst seriöse Corriere della sera gibt dem Chor der Weinenden den Ton an: er bringt ein letztes Foto von dem, "der im Herzen der Nacht verstummte".

JPEG - 449.6 kB

Und dann noch diese Nachricht, die über die große Tageszeitung The Age aus Australien kommt: "das Lächeln der Mörder von Bali". Man erfährt, dass die drei Bombenleger von 2002 in einer Diskothek, die 202 Menschen umbrachten, darunter 88 australische Touristen, ihren letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hatten, bevor sie in den nächsten Tagen hingerichtet werden. In einem Wald von Journalisten, Kameras und Mikrofonen führten sie sich wie Rockstars auf, lächelten in all ihrer jugendlichen Unbekümmertheit die kleine Versammlung und besonders die Fotografen an, bar aller Gewissensbisse. Kein Zweifel, die werden schon bald ins Pantheon der Terroristen eingehen, als mythische Figuren einer blindwütigen Gegenwart.