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Es ist fünf Jahre her: man hatte mir "Siberienne" (deutscher Titel: "Die Dolmetscherin" d.Ü.) geschenkt, einen Roman des Kubaners Jesus Diaz. Eine entzückende Geschichte vom Anfang der 70er Jahre, ein kubanischer Journalist, 25 Jahre alt, schwarz und jungfräulich, terrorisiert von Flugangst, wird zum großen Bruder, der Sowjetunion, geschickt, zwecks Reportage vom Bau der Eisenbahnlinie, die den Baikalsee mit dem Amurstrom verbindet. Aber wie alle Liebesgeschichten (Wortspiel: im französischen amour, sprich Amur,- die Liebe d.Ü.), nimmt auch diese ein böses Ende. Ein sehr böses.

Es ist fast zwanzig Jahre her: ich reiste zum ersten Mal nach Russland, im letzten Jahr der Sowjetunion. Ich wohnte bei Anna B. einer passionierten, fröhlichen Ozeanografin, Mitglied einer Ökologengruppe im embryonalen Stadium, die sich abmühte, ihre Stimme zu Gehör zu bringen. Eine ihrer diesbezüglichen Methoden bestand darin, kleine Gruppen ausländischer Journalisten mit den verheerenden Wirkungen der Verschmutzung des Baikalsees zu konfrontieren. Als tapfere Soldatin vollbrachte Anna mehrere Male im Jahr diese Reise in die Verzweiflung.

Im gleichen Jahr 1991 reiste ich im Rahmen einer "historisch-literarischen" Recherche mit dem Transsibierienexpress bis nach Krasnojarsk, der Stadt der roten Täler, letzte Station vor Irkutsk und dem Baikalsee. Der Jenissei, den die schöne Angara mit dem Baikalsee verbindet, verschlug mir mit seiner Breite und Kraft die Sprache. Man erzählte, dass sich im Sommer mutige Leute in die Fluten werfen und Kilometerweit von der Strömung tragen lassen. um dann erfrischt wieder auszusteigen.

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Beim Lesen in einer der letzten Ausgaben der Novaja Gazeta, der Zeitung einer anderen Anna, der herrlichen Politkowskaja, musste ich an Anna denken, an die Sibérienne, an den Jenissei. Auf der Titelseite war ein schäumendes, brodelndes Wasser zu sehen und zu lesen stand der Titel "Baikal, ein Foto zur Erinnerung" mit dem Untertitel "Bald wird hier alles tot sein". Folgte ein langer und schöner Artikel des Korrespondenten in Krasnojarsk, Alexei Tarassov: noch einmal ein kleines alarmierendes Hagelkorn im Ozean der Gleichgültigkeit. Der Journalist beschreibt die Magie dieses gigantischen Süßwasserreservoirs (ein Fünftel der Reserven des Planeten, wobei ein Sechstel unserer Bevölkerung unter Wassermangel leidet) und die Verschmutzung in großem Ausmaß durch die Zellulosefabriken, die das Wasser abpumpen und verdreckt wieder einleiten. Seine Anklage richtet sich unmittelbar an Premierminister Putin, der dem Papiermasse-Produktionskonsortium BZBK per Dekret erlaubte, die Abwässer in den See zu leiten. "Russland hat nicht nur seine heiligen Ikonen. Auch der Baikalsee ist heilig. Und der Premierminister hat ihn entweiht. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die Anwohner, gefragt, wer der Hauptfeind Sibiriens sei, mehrheitlich Wladimir Putin als solchen bezeichnen."

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Am anderen Ende der Welt erstreckt sich der Rio de la Plata zwischen Uruguay und Argentinien. 2006 hat sich eine brandneue Papiermassefabrik mit dem hübschen Namen Botnia am Uruguayischen Ufer des "silbernen Stroms" etabliert und verbreitet ihre stinkenden Fluten bis ans ferne argentinische Ufer. Die Regierung in Buenos Aires hat vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage erhoben und seit drei Jahren besetzen Demonstranten Tag und Nacht die Hauptbrücke, die die beiden Länder miteinander verbindet und blockieren damit eine der großen Verkehrsadern Lateinamerikas.

Gestern hat das Gericht vor den vollzählig anwesenden Diplomaten beider Länder sein Urteil verkündet. Zwei antrengende Lesesstunden einer Entscheidung, weder Fisch noch Fleisch, eine Mehrheit von elf Stimmen gegen drei. Stunden, die vom öffentlichen Fernsehen Argentiniens direktübertragen wurden (mitten in der Nacht, Zeitverschiebung verpflichtet): Die Firma hat den Naturschutzstatus des Stroms verletzt, darf aber weiter ihre jährliche Million Tonnen Zellulose verarbeiten, also weiter verschmutzen. Aber sie muss ihre Nachbarn besser über die Verschmutzung informieren und Uruguay verpflichtet sich, weitere, ähnliche Projekte einzufrieren. Das Gericht kommt zu dem Schluß: "Gestank ist kein Delikt und die Schließung von Botnia wäre eine unverhältnismäßige Reparationsleistung".

Die Regierungsvertreter sind zufrieden, Hand in Hand, wieder abgereist, während die Umweltdemonstranten auf der Brücke vor Wut in die Luft gehen. Die argentische Tageszeitung Pagina 12 resumiert das ganze mit der lapidaren Schlagzeile: "Uruguay hat das Abkommen verletzt. Die Fabrik läuft weiter."
Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen...

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