Elisabeth Dmitrieff, eine der maßgeblichen Frauen in der Pariser Kommune von 1871 war die Tochter eines russischen Aristokraten aus der Gegend von Pskow. Dieser Luka Kuschelew war gleich doppelt berühmt für seinen Mut. An der Front hatte er, seinen Männern voran, ein napoleonisches Regiment ganz durcheinander gebracht, als Gutsherr und Jäger stand er wie eine Statue vor jedem Bären, der ihm begegnete, was wiederum das Tatzentier total verwirrte.

Goldie und die Bärenfamilie ist eine bei allen Kindern der Welt seit Generationen bekannte und beliebte Erzählung. Die heimkehrende Familie muß erkennen, daß sie Opfer einer Hausbesetzung durch ein kleines Mädchens geworden ist(eine verfilmte Version, Chicago 1911, will sogar, daß das kleine Scheusal erst den ganzen Bärenvorrat an Süßigkeiten aufißt und dann die Jäger ruft, die Mama Bär, Papa Bär und das Bärenkind mir nichts dir nichts tot schießen).

Man sollte meinen, das charmante Säugetier hätte ein Dasein entweder nur noch als geschützte Art oder in der Vorstellungswelt der Kinder. Aber siehe da, es treibt sich herum in Europa und nicht allein da, und das bis in unsere Städte. Es soll sogar diplomatische Zwischenfälle verursachen. Jedenfalls braucht es nur zu nießen und eine Depeche erscheint in der Presse.

In Frankreich ist Balou verschwunden. Tatsächlich weiß man nichts genaues, aber sein Sender sendet nicht mehr und Frau Nelly Olin, die Umweltministerin, erklärt sorgenvoll: "Ich hoffe, es ist nichts Irreparables passiert". Es ist nämlich so, daß Balou mit seinem seidigen, dichten Pelz nicht nur sanfte Gefühle weckt. Er ist gegen seinen Willen und den der französischen Viehzüchter aus den verzauberten slowenischen Wäldern geholt worden und sollte, zusammen mit drei sehnsüchtig wartenden "Damen" die Bergwelt der Pyrenäen wieder bevölkern. Vielleicht sieht Balou ja die Fernsehnachrichten und hat begriffen, daß er sich schleunigst auf die spanische Seite der Berge davonmachen sollte, wenn er ein beschauliches Junggesellenleben zu führen gedenkt.

Bruno - Kodenamen JJ1 sorgt für Streit zwischen Österreich, Bayern und Italien. Das liegt bei ihm in der Familie, denn sein Bruder (JJ2)versetzte im Vorjahr bereits die Schweizer in Angst und Schrecken. Die Mutter kommt übrigens auch aus
Slowenien (welch ein Paradies, dies neue Mitglied der Europäischen Union!). Sie wurde nach Italien ausgesiedelt. Die Nachkommenschaft wanderte erst durch Italien, dann nach Deutschland, wo man ihresgleichen seit 170 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Zur Zeit grast Bruno in Tirol und um sich zu versorgen, kommt er ganz wohlgesittet in die Dörfer. Man rät ihm nach Slowenien zu gehen, eine ausgedehnte Verfolgungsjagd eint Deutsche und Österreicher. Die Italiener haben gerade ihren Segen gegeben.

In Rumänien und in Finnland lebten Bären und Menschen bisher in Frieden miteinander. Aber gleich zweimal in dieser Woche sahen sich Menschen auf die nackten Fäuste diesen Tieren gegenüber angewiesen. Die junge Frau (im Norden Europas) und der junge Mann (im Süden) gaben dem Gegner eins auf die Nase und konnten beide die Runde für sich buchen (offenbar eine mindestens ebenso wirkungsvolle Technik wie die des seeligen Luka Kuschelew...)

Großbritannien sieht sich einer der größten inneren Zerreißproben seiner Geschichte ausgesetzt: werden die wunderbaren Kopfbedeckungen der "Hoarse Guards" in Zukunft aus synthetischem Fell herstellt, statt aus dem Pelz der Schwarzbären Kanadas? Mit einer Titelseite gibt "The Independant" Tierschützern Rückhalt, die auf den Stufen von St. Pauls Cathedral liegen. Doch der Verteidigungsminister hat quasi unwiderlegbare Argumente: die synthetischen Mützen nutzen sich zu schnell ab und werden zu schwer, wenn es regnet...

Vielleicht löst ja die Natur das knifflige Problem schneller als man denkt: die schwarzen und die weißen Bären Kanadas und Alaskas könnten einfach verschwinden, der Klimawandel machts. Die sehr renommierte (in Berlin erscheinende)Zeitschrift Polar Biology gibt an, daß die Bären vor Nahrungsmangel angefangen haben, sich gegenseitig aufzufressen. Man hat sie sogar beobachtet, wie ein ganzer Trupp einem einsamen oder schwächeren Artgenossen aufgelauert hat, um ihn zu zerfleischen. Erinnert Sie das an garnichts?


Die junge "Internationalistin" Elisabeth Dmitrieff (1851-1918?)und die "Union des femmes" brachten für ein paar Wochen 1871 Reformen auf den Weg, die auch heute noch erstaunlich aktuell sind: politische Organisatonsformen, insbesondere der arbeitenden Frauen, Arbeitszeitbegrenzung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit etc.. Während der "Semaine sanglante" stand auch Dmitrieff bewaffnet auf den Barrikaden. Sie entkam den Häschern, lebte viele Jahre in Sibirien mit zwei Töchtern und ihrem dorthin verbannten Mann, zog dann (noch vor 1905) nach Moskau, getrennt von ihrem Mann, wo ihre Spur sich 1917 verliert.

Es scheint, daß die Geschichte von den drei Bären zuerst 1831 von Eleanor Mure in Hertfordshire/England für ihren Neffen nach heimatlicher Überlieferung niedergeschrieben wurde. Größere Verbreitung fand 7 Jahre später die Version des Dichters Robert Southey (1774-1843). Allerdings war die "Hausbesetzerin" eine alte Frau, und die drei Bären, ein kleiner, ein mittlerer und ein großer, waren keine Familie. Die alte Frau verjüngte sich schon bald zum Mädchen. Es dauerte jedoch eine ganze Weile bis aus "Silberhaar" über "Silberlocke" und "Goldhaar" schließlich um 1904 Goldlöckchen wurde.(Vgl. Iona and Peter Opie, The Classic Fairy Tales, NY 1973)

Der Stummfilm "The Three Bears" (Die drei Bären) entstand 1911 im Chicagoer Studio von Essanay ("S and A", Spoor und Anderson, Filmproduzenten im Edison Trust). In der Rolle des kleinen Mädchens Evebelle (Eva) Ross Prout (1894-1980).