Ein Blick auf die Illustration lässt ein mäßiges Gemälde erkennen, Vorlage etwa für eine Postkarte, wie sie zu den Feiertagen für wohltätige Zwecke angeboten werden. Es mag den ein oder anderen Liebhaber geben, der dergleichen als Schmuck auf das Kaminsims stellt. Der Schund ging für 170 000 Euro über den Tisch. Lostwithiel ist eine der schönsten Ortschaften in Cornwall (Vereinigtes Königreich). Idyllische Umgebung, eine Versteigerung, ein Bild im "Anstreicher-"Stil, der Preis das zehnfache der Ausgangssumme. Zwei Referenzblätter des Alten Kontinents, El Pais in Madrid und The Independent (der sein silbernes Jubiläum feiert) in London, widmen dem zweifelhaften Ereignis ihre Seiten. Grund: Der Maler dieser "Kirche von Preux au Bois", ein gewisser Adolf Hitler...

Der Käufer, ebenso anonym wie der Verkäufer, wäre, nach Aussage des estnischen Beauftragten dieses "Geschäftsmannes aus Osteuropa", nicht der Kunst halber so weit gegangen, sondern aus geschäftlichen Gründen: "Ich verfüge über ein Budget um alles zu erwerben, was die Signatur Hitlers trägt" erklärt der Mann dem Korrepondenten des Independent, ohne mit der Wimper zu zucken und schließt allen Ernstes mit dem Satz: "Ich nehme an, dass der Auftrag rein unter Anlagegesichtspunkten erteilt wurde, denn, offen gestanden, ein Bild von Hitler an der Wohnzimmerwand ist nicht gerade angenehm."

Natürlich fragt es sich, ob das Geschäft tatsächlich ein lohnendes ist, ob das Kunstwerk echt ist, nicht wie die "Tagebücher" des Nazidiktators und Massenmörders, die vor zehn Jahren ebenfalls versteigert wurden und sich als Fälschung erwiesen. Dieser Aspekt hat offensichtlich den Journalisten von El Pais beschäftigt. Nach Aussage der Experten, die das Madrider Blatt bemühte, kann es sich durchaus um eine Fälschung handeln. Das Bild wurde von einer belgischen Bürgerin in einem Koffer unweit der Grenze zu Frankreich entdeckt - da, wo Soldat Adolf Hitler zwischen zwei Angriffen und zwei Skizzen seine mäßigen Produkte hervorbrachte. Schon vor einiger Zeit wurden Arbeiten mit eben dieser Signatur an einen russischen Käufer zu ähnlich hohen Preisen verkauft.

Offenbar wollte niemand die reichlich geschmacklose Veranstaltung stören. Nur Aaron Barschak, selbsternannter "Komödienterrorist" (er hat dem mit SS-Uniformen spielenden Prinzen William mit einer lasziven rosa Osamafigur die Geburtstagsparty vermasselt). "Eine Million Pfund, das ist ein Mussolini!" schrien er und sein Kumpan in den Saal. Dann geleitete die "Sicherheit" die beiden brutal vor die Tür. "Wie kann man nur mit einem Kriegsverbrecher Geschäfte machen?" fragt seine Frau.

In einer ungleich friedlicheren Auseinandersetzung begegnen sich Kunsthistoriker diesseits und jenseits des Atlantik. Ein Jahrhunderte alter Streit ohne Ende, der auch bestimmten Leuten schon viel Geld eingebracht hat: "warum nur lächelt sie?". Sie, das ist natürlich Mona Lisa, genannt die Gioconda, in Wirklichkeit Lisa Gherardini, Witwe des sehr reichen florentinischen Seidenhändlers Francesco del Giocondo und Mutter von fünf Kindern. "Die Gattin, die Mutter": in diese beiden Teile gliederte sich der Entwurf einer Abhandlung über die Königinnen von Frankreich des seeligen Edgar Faure, seines Zeichens Staatsmann in mehreren Republiken.

Die Gattin, die Mutter ist im übrigen auch die These von kanadischen Kunstexperten, die Leonardo da Vincis berühmtes Porträt dreidimensional und mit allen bisherigen mehrfach überlegenen Maschinen abgetastet haben. Nur versteht man beim Lesen ihrer Ergebnisse nicht ganz, warum sie solche Maschinen brauchten: "Aufgrund des Scans können wir sagen, dass der feine Gaze-Schleier über den Kleidern der Mona Lisa das Charakteristikum einer Gebärenden oder demnächst Gebärenden war." Den Schleier sieht man mit bloßem Auge... Ein anderer Gelehrter, diesmal in Amsterdam in den Niederlanden hat die Joconde in seinen Rechner geladen und behauptet sie sei "zu 83% glücklich, zu 9% abgestoßen, zu 6% erschrocken und zu 2% wütend". Typische Physiognomie einer jungen Familienmutter...

Man mag sich fragen, wie zukünftige Archäologen und Kunsthistoriker Kunstwerke dieses anfänglichen 21ten Jahrhunderts erklären werden. Im Besonderen solche, die den Körper, die Haut als Grund für ihre Kreationen, Tätowierungen, Piercings und andere bleibende Verzierungen wählen? Wird man in ihnen Zeichen der Macht, religiöse Rituale, oder Markierungen ausgestossener Stämme erkennen..?

Über dem Schreiben dieser Notiz kommt mir eine unvergessliche Definition von G.K. Chesterton (englischer Autor um die Wende vom 19ten zum 20ten Jahrhundert, u.a. von "Einer mit Namen Donnertag" ) in den Sinn: "Journalismus besteht darin, den Lesern den Tod von jemandem zu verkünden, von dem sie nicht einmal wussten, dass er existierte."


Auch deutsche Medien haben sich die Kurzmeldung zur Versteigerung von 21 Aquarellen von dem späteren Mann des Grauens für insgesamt 170 000 Euro nicht entgehen lassen. Näheres zu Aaron Barschak findet sich wohl nur in englischsprachigen Medien.