Sprechen Sie Cha-cha, kon-Ver, ver-Ver oder GMA? Nein? Schade, denn das müssen Sie, wenn sie das vibrierende politische Leben der Philippinen verstehen wollen. Seit Wochen jagen sich die komischsten Schlagzeilen auf den Titelseiten der Zeitungen in Manila: "Cha-cha ja!", "Cha-cha nein!", "Der Bischof will seine eigene Cha-cha". "Tod der Cha-cha!", usw., usw. Sogar eine türkische Tageszeitung hat festgestellt, dass die Philippinos mit dem "Cha-cha-Slogan" stundenlang gegen Gloria Macapagal Arroyo (GMA)demonstrieren, gegen ihre Präsidentin, eine Art Margaret Thatcher, philippinisch getönt.

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Die "Cha-cha" und das alles erklärt Ihnen The Economist sehr ernsthaft, wenn auch mit der ironischen Pointe, die den Charme des hervorragenden britischen Wochenblatts ausmacht. Die Philippinen, diese asiatische Inselgruppe, die sich Australien entgegenreckt, haben von ihren ehemaligen amerikanischen Kolonisatoren eine Präsidentialverfassung und ein Zweikammersystem geerbt und was in den Vereinigten Staaten wunderbar funktioniert, blockiert in Manila regelmäßig die Institutionen (besonders in diesem Jahr, wo der Haushalt Monate lang nicht verabschiedet werden konnte...) Frau Arroyo hat daraufhin beschlossen die Verfassung zu ändern ("Charter change": "Cha-cha") und zwar in die eines parlamentarischen Einkammersystems wie im benachbarten Neuseeland.

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Zu diesem Zweck haben Frau Arroyo und ihre Regierung Plan a,b,c entworfen (sehr viel einfallsreicher, als die Europäer, die ihren Verfassungsvertrag mit nur einer einzigen Strategie durchbringen wollten). Plan A: Petition mit anschliessendem Referendum. Es wurden 6,5 Millionen Unterschriften gesammelt, aber der von der Opposition angerufene Oberste Gerichtshof hat die Petition verworfen. Plan B: eine konstituierende Versammlung (kon-Ver)aus beiden Kammern, die durch Abstimmung den Senat abschaffen sollte. Aber, oh Wunder, die Senatoren stimmten gegen die eigene Abschaffung. Bleibt der Plan C: eine verfassunggebende Versammlung (ver-Ver), die von den Wählern bestimmt wird. Das hierzuland traditionelle, bei verschiedenen Gelegenheiten bewährte Verfahren zur Anpassung der Verfassung. Aber das Land steht derart unter Spannung und die Situation ist derart verfahren, dass die Präsidentin entschieden hat, abwarten sei noch dringender, wenn dem Land eine totale Lähmung erspart werden soll. Die institutionelle Krise hatte schon den letzten Gipfel der Regierungschefs im pazifischen Asien wesentlich wirkungsvoller verhindert als der Taifun Utor, der als Vorwand herhalten musste.

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Wer war doch noch Herr Breschnjew? Die Moskowskije Nowosti (Moskauer Neuigkeiten) stellen diese interessante Frage nicht ohne Selbstironie anlässlich des hundertsten Geburtstages dieses Herrn: "Jetzt ist es gerade mal 25 Jahre her, dass die damaligen Wochenzeitungen mit einunddemselben Portrait auf der Titelseite erscheinen konnten, dem des Generalsekretärs der kommunistischen Partei der Sowjetunion, des Genossen Leonid Iljitsch Breschnjew. Denn an diesem Tag, am 19 Dezember 1981, feierte der seinen 75. Geburtstag. Es versteht sich von selbst, dass das Thema von oben befohlen war, ebenso wie die Bildwahl. Und was machen wir (die gänzlich unabhängigen Journalisten)zum 100. Geburtstag? Wir machen freiwillig genau das gleiche. Weil sich unabdingbar die Frage stellt: Wer war das noch, der Genosse Breschnjew? Oder im politischen Jargon des modernen Russlands: who is mister Brezhnev?"

Tatsächlich hatte der Mann, der die Zügel der Sowjetunion 20 Jahre lang in der Hand hielt, der Zeitung zufolge nichts aussergewöhnliches, war eine Art grauer "Durch-die-Wand-Gänger". Er verschwand in der Nomenklatura als eins ihrer makellosen Produkte. Aber er war und bleibt relativ populär an den Ufern der Moskwa. Vor zwei Jahren war ihm sogar eine Serie im öffentlichen Fernsehen gewidmet: sie begann mit dem Ende, man sieht einen allzu gutmütigen Machthaber, der heimlich seine Zigarren raucht und mit einem Vater mitfühlt, der (bis zur "Präsidentendatscha")gekommen ist, um verzweifelt die Freilassung seines Sohnes aus dem Gulag zu fordern. Kurzum, ein Mensch wie jeder - und das Feuilleton machte Furore! Sein Regime war - den Moskauer Neuigkeiten folgend - vom Stalinismus weiter entfernt als das von Nikita Chruschtschew; es war auch zu seiner Zeit, dass eine neue "Klasse" in Erscheinung trat, die heute dominiert: die der Oligarchen. Für das Wochenblatt eine Gelegenheit um drei Ecken, ein Bild der heutigen Gesellschaft und der Machthaber in Russland zu zeichnen...

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Auf der anderen Seite des Atlantik widmen sich zwei Tageszeitungen - und nicht die geringsten - im Stil von USA Today am Vorabend von Weihnachten auch dem Thema Menschen heute: ein Schwarzer sein in den USA ist das Thema der Washington Post und ein arabischer Amerikaner sein das der USA Today. In beiden Fällen ist das Unbehagen da, aber aus ganz verschiedenem Grund: die schwarzen Männer finden ihren Platz nicht mehr in der Familie, werden oft von ihren Frauen verlassen; die Menschen arabischer Herkunft finden ihren Platz im Land nicht mehr (Frauen wie Männer), werden oft von Mitbürgern gemieden. Es ist, als habe sich etwas verschoben: Früher waren alle Schwarzen die Ausgestossenen, jetzt sind die Araber an ihre Stelle getreten, während die Schwarzen den Zerfall der Familienstruktur erleben, genau wie die Weissen, nur noch härter.

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Die beiden Artikel stellen auch vor die Frage: wie soll man beschreiben was ist, ohne dass man es an sich selbst erfährt? John Howard Griffin (ein weisser amerikanischer Schriftsteller) hat als erster (6 Wochen lang) versucht, in die Haut eines Schwarzen zu schlüpfen, der im tiefsten Süden der Vereinigten Staaten lebt. (Black like me, 1961). Der Deutsche Günther Wallraff lebte zwei Jahre als türkischer Arbeiter (Ganz unten, 1985); und die Französin Anne Tristan hat mehrere Monate lang die Lage einer Zufluchtsuchenden aus Santo Domingo erfahren (Clandestine, 1993). Über den Mut hinaus, den solche Erfahrungen beweisen, stellt sich eine neue Frage: kann man tatsächlich "sein" wenn man weiß, dass man das nur eine Zeit lang ist?
Darüber kann man in aller Ruhe nachdenken, denn für mich kommen jetzt Ferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der Caravane und der Karwansereien gute Feiertage! Bis zum nächsten Jahr...