Während die letzte päpstliche Bulle eine Welle von Gewalt in der ganzen Welt auslöste - wie der Flügelschlag des Schmetterlings in Buenos Aires den Wolkenbruch in Reykjavik bewirken kann -, erstarrt ganz Kanada angesichts eines niegesehenen Gewaltausbruchs in diesem friedlichen Land. Ein von Waffen faszinierter Schüler in Laval in Quebec, der seine morbide Leidenschaft den Lesern seines Blogs ausführlich anvertraute, veranstaltet ein Massaker in seiner Schule, ähnlich dem von Colombine in den USA: ein Toter, mehrere schwer, wenn nicht lebensbedrohlich, Verletzte. Das traumatische Vorkommnis bewegt die englisch- ebenso wie die französischsprachige Presse auf den Titelseiten: eine Art innere Einkehr, um das Warum des Wie zu begreifen.

Kanadische Schriftsteller, Filmemacher, Künstler ergründen schon seit langer Zeit die Tiefen der alltäglichen Gewalt, die mit der Modernisierung, der industriellen und technologischen Revolution, mit dem Massenkonsum in den westlichen Gesellschaften einhergeht. Im Kino ging Cronenberg mit seiner Adaptation des Romans "Crash" von James Graham Ballard bis an die Grenzen des Genres. Der Brite Ballard hatte eine kanadische Vergangenheit, war dort bei der Luftwaffe. Die Fantasie eines traumatischen Verkehrsunfalls wird zur entblößenden Metapher für den Zusammenbruch unserer Wirtschafts- und kulturellen Systeme.

Zeitungen suchen wie gewöhnlich die Verantwortlichkeiten: Drogen, Videospiele, Rockstars, Virtuelle Universen im Internet oder, nicht selten, alles dies zusammen... Jeder hat seinen Sachverständigen, Psychiater oder Psychologe, der das Unverständliche verständlich macht, Worte für das Unerklärliche findet. Abgesehen von, wie es scheint, der unendlichen Einsamkeit eines Jugendlichen, der in aller Legalität Waffen besitzen konnte: ein Punkt, der ohne Zweifel ausführlichere Nachforschungen verdienen würde.

Man weiss dagegen überhaupt nicht, was die Auslöser der beiden spektakulären Unfälle waren, die in Japan und Australien die Titelseiten füllten, ja sogar in anderen Teilen der Welt (zum Beispiel in der Türkei). Zwei fatale Crashs, deren Blechberge Fotografen und Journalisten anziehen und damit auch uns Leser, vielleicht weil wir hoffen, so den Teufel, der uns reitet, auszutreiben, nämlich den Gedanken an den Tod im Blech.


James Graham Ballard, geb. 1930 in Shanghai (wo der Vater als Chemiker arbeitete; die Familie war während des Krieges in einem japanischen Lager interniert), Medizinstudium in Cambridge, 1953-1954 Royal Air Force in Saskatchevan, 1955 Heirat mit Helen Mary Mathews, Arbeit als Redakteur, Künstler (Popart), Schriftsteller. Erfolg 1962 mit "The Drowned World" (Karneval der Alligatoren). 1964 Tod seiner Frau. Ballard allein mit drei Kindern. Im dystopischen Roman Crash (1973) ist der sexuelle Genuss von Autozusammenstößen vielfach schockierendes Thema.

Ballard 2005 in einem Interview der ZEIT:

"All meine Bücher handeln ja davon, dass unsere humane Gesittung wie die Kruste über der ausgespienen Lava eines Vulkans ist. Sie sieht fest aus, aber wenn man den Fuß daraufsetzt, spürt man das Feuer. Die Geschehnisse in Louisiana erinnern uns daran, dass die Freiheit der Reichen immer noch auf der Unterdrückung der Armen beruht. Weil diese Tatsache aber verdrängt wird, sind wir schlecht vorbereitet, den Preis für das Funktionieren unserer Gesellschaft zu zahlen."

David Cronenberg, geb. 1943 in Toronto, Mutter Pianistin, Vater freier Journalist, frühe naturwissenschaftliche Interessen, 1963 Literaturstudium, Abschluss 1967 nach einem Jahr Europa. 1966 erste "Underground" Filme, Gründung der Toronto Film Co-op. Nach vielen Filmen 1996 die in Cannes preisgekrönte Crashverfilmung.