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Vor/hinter einer Betonmauer, geschützt durch ihre Grenze, betrachteten die Westdeutschen mehr als 40 Jahre lang die des Ostens mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Waren es doch die, denen alles misslungen war, Chancenlose, die sich nicht berappeln konnten, weil sie ohne Übergang aus dem Naziregime in den Stalinismus gefallen waren. Solch herablassende Haltung dauerte nach dem Mauerfall an, und es mag sein, dass Spuren auch heute noch da sind. Die Lekture von Maxim Leos Text sollte allen Sonntagshistorikern die Augen öffnen...

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Als die Mauer fiel, war Maxim Leo, heute bekannter Journalist in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, ein zwanzigjähriger Ostdeutscher, dem der Mauerfall als Befreiung vorkam. Zwanzig Jahre danach sieht er dies einschneidende Ereignis noch genau so, und der vierzigjährige, inzwischen Familienvater, zeigt keine Spur von Nostalgie. Was sich aber geändert hat, ist sein persönlicher Zugang zur geschichtlichen Vergangenheit vermittelt durch die Lebensläufe seiner Familie. Nicht viele können, so wie die Leos, ohne Schamgefühle von sich sagen, dass sie Ostdeutsche sind.

Ganz unpathetisch spinnt Maxim Leo den Faden bis zu den Urgroßvätern, die zwei Mal im Widerstand zu finden waren, gegen die Nazis und gegen einen Stalinismus, der die Arbeiterorganisationen zersetzte, denen sie angehörten.

Ein Großvater, Gerhard Leo, kämpfte im französischen Maquis, während der andere, ohne sich viel dabei zu denken, als Wehrmachtsangehöriger nach Frankreich kam. Ersterer sah in Ostdeutschland nach dem Ende der Barbarei eine moralische und politische Möglichkeit, Deutscher zu bleiben, nicht ohne kritische Wachsamkeit. Der andere machte im neuen Regime Karriere, zweifellos genau so selbstverständlich wie im vorherigen. Die Trennlinien traten bei Maxims Eltern zu Tage. Beide, der Künstler und die Historikerin, fassten mit klarem Blick und mutig die Auflösung des Staates ins Auge. Die Biographien der beiden, denen ich das Glück hatte, gelegentlich zu begegnen, sind wohl die bewegensten.

August 1999 - Zehn Jahre nach dem Mauerfall wollte ich die Familie Leo, Großeltern, Kinder und Enkel, kennenlernen. Die Großeltern, Gerhard und Nora, stammen beide aus deutsch-jüdischen Familien, deren Mitglieder im zweiten Weltkrieg in alle Winde zerstreut oder ermordet worden waren. 1954 hatten sie sich entschieden, in ihr Geburtsland zurückzukehren, zunächst nach Düsseldorf, dann also nach Ostdeutschland.

Als von Genocid und Krieg gezeichnete Widerstandskämpfer hofften sie bei ihrer Rückkehr auf ein neues Deutschland. Der Westen entsprach ihrer Hoffnung nicht, und sie zogen mit den Kindern und allem Drum und Dran in den Osten. Auch fanden sie, die Entnazifizierung sei in Westdeutschland nicht weit genug gegangen: zu viele hohe Beamte, Richter und Unternehmer aus der Nazizeit saßen wieder oder noch in ihren Sesseln.

Gerhard war in der neuen Umgebung ein erfolgreicher Journalist .

Als im November 1989 die Mauer fiel wenden sich die drei Töchter, Annette, Historikerin, Doris, Galeristin, und Hannah, Sozialarbeiterin, mehr oder weniger schnell dem Westen zu. Die Mauer, als sie noch existierte und auch ihr Fall, verlief quer durch ihr berufliches und privates Leben.

Als die nachfolgende Generation alt genug war um sich damit auseinanderzusetzen, war das Problem nicht mehr da. Maxim, das älteste der Enkelkinder, ist hüben wie drüben unterwegs und wird im wiedervereinten Berlin schnell eine der bekanntesten Signaturen der neuen Medienwelt.

August 2009 - Am Vorabend des zwanzigsten Jahrestags des Mauerfalls wollte ich die Familie Leo wiedersehen und ein Zwiegespräch mit ihnen allen fortführen, das nie wirklich aufgehört hatte - ich hatte Gerhard und Nora alle Jahre besucht. Da erfuhr ich von Annette, dass Gerhard im Sterben lag. Mit dem Ende des Sommers hat er uns im Alter von 87 Jahren verlassen. Zuletzt ist er den Einwanderern ohne Papiere zur Seite gestanden, beseelt wie stets vom Geist des Widerstands.