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In Italien wird es diesmal wohl eine heisse Weihnacht geben, nicht aus klimatischen Gründen, sondern weil es Streit gibt zwischen dem Zeitlichen und dem Geistlichen. Die Linksregierung von Romano Prodi und der Vatikan von Benedikt XVI kreuzen die Klingen. Es geht um die Grenzen von Individuum und öffentlichem Raum: der italienische Pacs (Eheänliche gesetzliche Lebensgemeinschaft in Frankreich d.Ü.), den der Regierungschef im Januar einführen will, die Euthanasie in wiederaufflammender Debatte, weil ein 60jähriger, an Muskeldistrophie erkrankter, Mann für sich das Recht zu sterben fordert. Die Kontrahenten greifen sich gegenseitig mit seltener Härte an, besonders über die Presse. So klagt der Osservatore Romano, die einflussreiche Tageszeitung des Vatikan, Romano Prodi wutschnaubend an, er wolle die Familie auf der Halbinsel einfach ausrotten: ""Ja zum Plan des Schöpfers, "Nein" zu den Täuschungen der Macht".

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Über das Eingreifen gegen die Anerkennung "freier" Bindungen, homosexuell oder heterosexuel, hinaus möchte die Kirche sich auch noch an anderen Fronten einmischen. Der Papst fordert, dass das Kruzifix in Schulen und öffentlichen Räumen hängen darf. Dies im Geist der Trennung von Kirche und Staat, und gestützt auf ein Argument das ein Abiturthema in Philosophie abgeben könnte. "Der Staat kann die Religion nicht einfach als individuelle, ganz auf die Privatsphäre beschränkte Empfindung betrachten. Sie muss ganz im Gegenteil in ihrer gemeinschaftlichen öffentlichen Präsenz anerkannt werden." Romano Prodi, selbst praktizierender Katholik, zeigt sich, laut La Repubblica, von der Debatte sehr betroffen, aber nicht bereit, den Kurs zu wechseln.

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Dieser theologische Angriff mag an den erinnern, den Frankreich in der letzten Woche erlebte, als ein Teil der französischen, katholischen Hierarchie die Ziele des Téléthon in Zweifel zog, vorallem die Forschungen am menschlichen Embryo. Die Franzosen wurden aufgefordert, ihr Portemonnaie nicht zu öffnen. Aber sie haben nicht gehorchen wollen, und es wurde ein neuer Spendenrekord aufgestellt. Auch hier hatte der Staatschef, obwohl mit einer sehr praktizierenden Katholikin verheiratet, sich für die Unterstützung der Erforschung seltener Krankheiten ausgesprochen... Soll man diese Einmischungsversuchen nun schwindendem Einfluss des Vatikans zuschreiben oder einer neuen ideologischen Verjüngung der römischen Kirche?

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Vielleicht gibt Portugal im kommenden Februar eine Antwort auf diese Frage. Dort wird per Referendum über Straffreiheit für Schwangerschaftsunterbrechung entschieden. Die Vollversammlung der portugisischen Bischöfe hat ihre Gegnerschaft gegen das Vorhaben noch einmal bekräftigt. "Der bestehenden Macht kann man keinerlei Kompetenz zusprechen, wenn es darum geht, was von Natur aus ein Verbrechen ist, zuzulassen oder straffrei geschehen zu lassen" haben sie endlos wiederholt. Portugal ist zusammen mit Irland und Polen (ebenfalls ein sehr katholisches Land) eines der letzten eurpäischen Länder ohne liberale Gesetzgebung auf diesem Gebiet. Dabei hatte eine erste Abstimmung vor acht Jahren, die allerdings ungültig war, gezeigt, dass die Portugiesen, wenn auch mit knapper Mehrheit, bereit waren, den Schritt zu wagen. Die Zunahme der heimlichen Schwangerschaftsunterbrechungen um ein Vielfaches und die Prozesse wegen dieser Praktiken haben, wie die bedeutende Tageszeitung Publico berichtet, die Politiker bewogen, Reformen zu beschleunigen. Die Zeitung deckt auf, dass eine Klinik in einem Vorort von Aveiro, einer der schönsten Städte der Silberküste, 500 bis 600 Schwangerschaftsunterbrechungen im Jahr vornimmt. Sie fordert dringend eine Gesetzesänderung.

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Auf der anderen Seite des Meeres hat die algerische Tageszeitung El Watan auch das Tabu der "heimlichen Schmerzen" brechen wollen . Mutig beschreibt die Journalistin auf der ersten Seite die Hindernisse und Risiken (tödliche und juridische), denen sich Algerierinnen ohne Unterschied des Alters und des sozioprofessionellen Milieus aussetzen. Aber sie zeigt auch solidarische Netzwerke (medizinische und finanzielle) auf, die dort einspringen, wo die Not keinen anderen Ausweg lässt. In diesem Land ist kein Referendum in Sicht um den alltäglichen, geräuschlosen Mikrotragödien ein Ende zu bereiten...