"Es gab in Berlin, in der Willy Brandt Strasse, eine Frau mit Vornamen Angela. Die hatte die Gabe der Allgegenwart. Sie konnte nach Belieben sich vervielfachen und sich zur gleichen Zeit mit Körper und Geist an so vielen Orten einfinden, wie man sich nur wünschen konnte. Da sie verheiratet war, und eine solch seltene Gabe den Gatten unweigerlich beunruhigt hätte, hat sie sich wohl gehütet, ihn in Kenntnis zu setzen und machte in ihrer Wohnung von ihr nur Gebrauch, wenn sie allein war. Zum Beispiel bei der Morgentoilette. Da verdoppelte sie sich oder verdreifachte sich, um bequem ihr Gesicht, ihre Körperhaltung und ihr Aussehen prüfen zu können. Nach beendeter Prüfung sammelte sie sich eilig wieder ein, das heisst, sie schmolz wieder zu ein und derselben Person zusammen."

Dieser Anfang der "Sabinen" von Marcel Aymé (in der Zwischenkriegszeit berühmter französischer Autor) - in leichter Abwandlung - kam mir gleich in den Sinn, als ich die türkischen und deutschen Zeitungen vom Freitag, den 6. Oktober durchsah. Auf den Titelseiten der "Die Welt" (Berlin) und der "Passauer Neue Presse" (Bayern) lächelt die Kanzlerin Angela Merkel nicht. Sie sieht beinahe aus, als sei ihr eine Laus über die Leber gelaufen. Während sie auf den Bildern in "Zaman" (Istambul, "modern-islamistisch") oder in "Turkish Daily News (die sich als "Das Tor zu Europa der Türkei" versteht) fast triumphierend lächelt.

Wie bringt sie das fertig? Lachen in Ankara und eine Schnute ziehen in Berlin? Tatsächlich ging alles sehr schnell: Sie war in Deutschland vor ihrem Abflug in die Türkei (zu ihrem ersten offiziellen Besuch) unzufrieden, weil ihre grosse Koalition Rot-Schwarz ihr wegen der Gesundheitsreform Kummer bereitete. In Ankara angekommen, erlaubte ihre Stärke gegenüber Premierminister Erdogan ihr, zu verkünden, dass die Zypenfrage auf dem besten Weg zu einer Regellung sei. (Die Türkei erkennt die nach ihrem Geschmack zu europäische, vielleicht auch zu griechische, Republik Zypern nicht an.)

Genau genommen fehlte wenig und die deutsche politische Konstruktion wäre an diesem Tag geplatzt. Christdemokraten und Sozialdemokraten hatten, was die Reform des Gesundheitswesens und des sehr komplexen Krankenversicherungssystems angeht (mehr als 250 öffentliche und private Kassen, unterschiedlichste Beitragsregellungen), radikal entgegengesetzte Vorstellungen: Mehr Solidarität von reichen und armen Kassen bei den Linken, grössere Unabhängigkeit und eher jeder für sich bei den Rechten. Schliesslich wurde ein Kompromiss gefunden, weder hü noch hott, der weder die einen noch die anderen zufrieden stellt, ein kleinster gemeinsamer Nenner, der, nach Meinung der Gewerkschaften, "die Ärmsten benachteiligt" und der das reiche Bayern wütend macht.

Zum guten Schluss konnten alle aufatmen, in Deutschland wie in der Türkei: das Schlimmste wurde vermieden. Ohne Zweifel dank der Allgegenwart von Frau Merkel.


Marcel Aymé (1902-1968)wuchs im Jura auf, war später ein "Monmartrois", lehnte (mit herzlicher Dankbarkeit für Francois Mauriac, der sie ihm angetragen) die Akademiemitgliedschaft ab. Ebenso die Mitgliedschaft in der Légion d’honneur (in lakonischen Worten, aber später bedauernd, dass er seine negative Meinung von der Institution nicht zum Ausdruck gebracht hatte). Am Monmartre leb/t/en auch die Sabine/nen: "Es gab am Monmartre, in der rue de l’Abreuvoir eine junge Frau mit Vornamen Sabine. Die hatte die Gabe der Allgegenwart..."

Kurzfassung der Erzählung : Eine sehr schöne junge Frau hat, ohne es zu wissen, die Gabe des Sich-Vervielfachen-Könnens. Die Sabinen sind in der ganzen Welt und leben mit den reichsten Männern. Sabine macht von ihrer Gabe jedoch so schlechten Gebrauch, dass eine ihrer "Ausgaben" erdrosselt wird. Und folglich die gesamte "Vielfältigkeit" sterben muss.

Die Erzählung erschien im Januar 1943 in der notorisch antisemitischen Zeitschrift "Je suis partout" (Ich bin übertall) Robert Brasillachs. Die tödliche Allgegenwart ist wohl als Anspielung auf die Zeitschrift zu verstehen. Aymé schrieb und publizierte während der Besatzungszeit weiter. Er hielt Abstand zu Kollaborateuren und Widerstand. Der Sammelband, in den später "Die Sabinen" aufgenommen wurden (Betitelt nach einer anderen 1943 publizierten Novelle: "Der Mann, der durch die Wand ging" (vgl. Statue Aymé-Platz Monmartre), schließt mit einer damals unveröffentlichten Geschichte, in der 14 "Montmartrois(es)" sich ihren "Krieg" erzählen. Da kommt erratisch, ohne Vor und Nach der Satz vor: "Moi", dit un juif, "je suis juif" (ich, sagte ein Jude, ich bin Jude).