The Economist, Lieferung der ersten Juliwoche, widmet sich der Untersuchung einer vermeintlich sehr amerikanischen Tugend (oder ist’s ein Manko?): dem Streben nach Glück. Der Artikel erscheint unsigniert. Das ist die Regel bei der berühmten britischen, aber ein Stück weit auch universellen Wochenzeitschrift. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten werden in Erinnerung gerufen. Sie schrieben die Glückssuche der Nation ins Stammbuch. Diverse Studien werden zitiert: sie belegen, daß die Amerikaner, besonders in ihrem Alltag, noch immer diesem verrückten Drang nachgeben: Zwanghaft bei der Arbeit, autosüchtig, geographisch ungebunden und immer bereit, in irgendeine Kirche einzutreten. Das Ergebnis: zwei Drittel sind Optimisten, und 84 Prozent schätzen sich sehr oder im Großen und Ganzen glücklich. Vorteilhafte Zahlen, die auch für USA Today Schlagzeilen abgeben. Problematisch höchstens, wie unser Analytiker doch auch notiert, daß das Glücksempfinden der Amerikaner sich fast einzig und allein auf materiellen Besitz bezieht und sich auf Kosten der restlichen Welt ausbreitet.

Im Gegensatz dazu, um bei den ehemaligen und doch auch weiterhin bestimmenden Weltmächten zu bleiben, lagen die Schlüssel zur Glückseeligkeit in Rußland in der Liebe (der sehr irdischen) und in der Emanzipation des Subjekts, des kollektiven wie des individuellen. Drei Autoren (unter anderen) schrieben zwischen 1840 und 1910 entsprechende Anleitungen: Alexander Herzen mit "Wer ist schuld?" (1846), Nikolai Tschernischewsky mit "Was tun?" (1863), aber vorallem Anastasia Werbizkaja mit ihrem nichtendenwollenden "Die Schlüssel zum Glück" (1910). 1400 Seiten in sechs Bänden, zuerst erschienen in Fortsetzung in den Blättern jener Zeit. In einem ganz vorzüglichen Essay, "The Keys to Happiness" beschreibt die amerikanische Historikerin Laura Engelstein das chaotische Streben nach Glück im vorrevolutionären Rußland.

Einer, der heute sehr glücklich zu sein scheint, ist Joschka Fischer. Die deutschen Zeitungen der letzten Woche verkündeten seinen endgültigen Rückzug aus der Politik. Der einstige Minister der Grünen, zeit seines Mandats in der Regierung Schröder auf allen Kontinenten geschätzt, gesteht sein Glück mit einem volltönenden "Jetzt bin ich wirklich weg!" Er verläßt die grüne Bundestagsfraktion und wird Associate Professor in Princeton/USA, wo die Universität ehemalige Minister jeder Couleur mit Kußhand nimmt.

Hoffen wir, daß das unverschämte Glück eines alten Öko-Streiters durch den Tod von Bruno nicht allzu sehr geschmälert wird. Bruno, der transalpine, zwischen Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland streunende, slowenische Bär meinte in Bayern seinen Frieden gefunden zu haben. Am Mittwoch, den 28 Juni, haben Jäger ihn getötet.


In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4.Juli 1776 wird das Recht aller Menschen, eine Regierungsform abzuschaffen oder zu ändern, damit begründet, daß alle Menschen selbstverständlich gleich geschaffen seien und daß ihr Schöpfer sie ebenso selbstverständlich mit einigen unveräußerlichen Rechten versehen habe, darunter das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück ("Glückseeligkeit" in der einen Tag später erschienenen deutschsprachigen Version). Verfasser war Thomas Jefferson (1743-1826). Von Adam Smith (1723-1790) stammt die Formel "Leben, Freiheit und das Streben nach Eigentum". Jefferson ersetzte Eigentum durch Glück. Es entstand das ungeheuer populäre Credo des American Dream, des amerikanischen Traums.

Alexander Herzen (1812-1870), Kritiker der Leibeigenschaft und der Autokratie, widmete sich der Verbreitung (natur-) wissenschaftlicher Bildung, nahm Gefängnis und Verbannung auf sich, bis er 1847, nach dem Tod seines Vaters als wohlhabender Erbe, Rußland den Rücken kehrte und fortan aus dem Ausland (Paris,Genf,London,Nizza)als Herausgeber und Publizist das Regime aufs Korn nahm und die öffentliche Meinung mitbestimmte. Geprägt in der Jugend durch den Dezemberaufstand 1825 und in den ersten Auslandsjahren durch das Scheitern der europäischen Revolutionen.

Nikolai Tschernitschewsky (1828-1889) aus Saratow studierte in Petersburg, arbeitete ab 1855 für die angesehende literarisch-philosophische Zeitschrift Sowremenik (Der Zeitgenosse), brachte seine Enttäuschung über die neue Regierung Alexander II und die Reformen zum Ausdruck, wanderte ins Gefängnis, schrieb dort Was tun? und wurde nach Sibirien verbannt. Wie seine Generation sich an Herzen’s Schriften orientiert hatte, waren die Vorstellungen Tschernischewsky’s richtungsweisend für die oppositionelle Jugend in den sechziger und siebziger Jahren.

Die Frauen der Familie waren selbständige Persönlichkeiten. Großmutter Anastasia Motschalowa war eine bekannte Schauspielerin, die Mutter war bis zu ihrem Tod der schreibenden Tochter erste Kritikerin. Anastasia Werbizkaja (1861-1928)wuchs in Woronesch auf, ein Studium am Moskauer Konservatorium brach sie aus materiellen Gründen ab. Jahrelang war sie Musiklehrerin, verheiratet mit einem Geometer, Mutter von drei Söhnen. Dann Journalistin bis der ungeahnte Erfolg ihrer Schriftstellerei sie einholte. 1905 engagierte sie sich für die Revolution. Von ihren etwa 25 Büchern wurden bis zu einer halben Million Exemplare verkauft, die vier Bände der Originalausgabe von "Kliutschi stschastja" (Die Schlüssel des Glücks) zu je 40 000. Werbizkajas Szenario der Glücksschlüssel kam 1913 auf die Leinwand (Regie: Gardin, Protasanow). In der Hauptrolle Olga Preobraschenskaja (1881-1971), die später so berühmte Regisseurin (u.a."Der stille Don"): ein Riesenerfolg. Nach 1917 änderte sich das Publikum und Werbizkajas Beliebtheit sank. 1924 waren ihre Bücher nicht mehr genehm.