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"Angefangen hat das Ganze mit einer Reihe eher milder Beschimpfungen in einer Fernsehsendung mit fallenden Zuschauerzahlen" schreibt Carolyn Churchill in The Herald, der schottischen Tageszeitung aus Glasgow. Und dennoch: aus dieser unbedeutenden Affäre wurde dank Globalisierung und Internet eine diplomatischer Zwischenfall zwischen einer früheren Kolonie und der ehemaligen Kolonialmacht. Ein paar Wochen vor dem 60ten Unabhängigkeitstag Indiens fordert die Regierung der "größten Demokratie der Welt" ganz offiziell eine Erklärung, um nicht zu sagen eine Entschuldigung für das, was sich bei "Celebrity Big Brother", einer Fernsehsendung, Mittelding zwischen der "Star academy" und "Le maillon faible" ("Das schwächste Glied"), zugetragen hat.

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Die indische Presse ereifert sich und unterstützt die sehr aufgeheizte öffentliche Stimmung, in der man vor der Botschaft demonstriert und britische Fahnen verbrennt. So klagt die bedeutende Times of India die "Päpste von Channel 4" an, dass sie "während im Internet ein leidenschaftlicher Kampf für die bedrängte Shilpa geführt wird, behauptet, ihr Leiden sei nichts weiter, als des Ruhmes Preis".

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Gordon Brown auf Reisen in Indien und Tony Blair vor dem Parlament müssen Stellungnahmen abgeben: Die Hindustan Times berichtet, dass der indische Staatssekretär im Außenministerium, Herr Anand Sharma, anläßlich der Bekanntgabe des Programms für das hundertste Jubiläum der Bewegung Mahatma Ghandis, Maßnahmen angekündigt habe, sobald er über die Einzelheiten der Affäre unterrichtet sei. "Nicht umsonst", hat er hinzugefügt, "ist Indien das erste Land, dass sich für das Ende der Apartheid in Südafrika eingesetzt hat".

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Was also ist passiert? Die Sendung Celebrity Big Brother versammelt neun Ruhmeskandidaten (sic!) in einer Wohnung, wo sie eingeschlossen und 24 Stunden am Tag gefilmt werden. Das Spiel besteht darin, die anderen durch die Zuschauer abwählen zu lassen, also ist die Unterhaltung zwischen den Teilnehmern nicht gerade freundlich. Shilpa Shetty ist 31 Jahre alt. Sie gehört zu den Teilnehmern und sie ist (relativ wenig) bekannt als Starlett in Bollywood, wo sie in etwa 40 Filmen aufgetreten ist. Die Mitbewohner, besonders die Mitbewohnerinnen, nehmen sie ziemlich bald aufs Korn, wegen ihrer Manieren, ihres Akzents, ihrer Küche und anderer Eigenheiten. Die hübsche indische Schauspielerin, die aus einer bürgerlichen Familie in Bombay stammt, weint, und ihre Tränen bewegen die ganze Welt. Zunächst hat sie zwar gemeint, die Angriffe seien nicht rassistisch, später ändert sie aber ihre Meinung und klagt über den Rassismus, mit dem man ihr, mehr noch als ihrem Konkurrenten Jermaine Jackson, dem einzigen weiteren farbigen Teilnehmer, begegnet. Zahlreiche Persönlichkeiten kommen ihr zu Hilfe, darunter die indische Schriftstellerin Kiran Desai, Preisträgerin des berühmten Booker Prize (eine unserer Chroniken war ihr gewidmet): auch sie sei wiederholt Opfer rassistischer Diskriminierung gewesen.

Ergebnis: Weinen und Flehen rühren die Zuschauer, und am Ende hat die Hauptgegnerin von Shilpa 82% der Stimmen gegen sich. Jade Goody, eine frühere Gewinnerin in dieser Sendung, hatte sich, ebenfalls unter Tränen, in einem öffentlichen mea culpa sogar selbst bezichtigt ("ich bin ein rassistisches wildes Tier"). Am anderen Ende der Welt weint man vor Freude.

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Etwas weiter links auf der Weltkarte hat auch Kanada in dieser Woche geheult, aber nur vor Rührung und Freude. Eine Geschichte, die einen Roman abgeben könnte, und das trifft sich gut, denn einer der Protagonisten ist ein berühmter Romancier. Schlagzeile in der National Post in Toronto am letzten Donnerstag, und Stewart Payne beginnt seinen Artikel so: "Einer der Brüder wurde Maurer, der andere ein Schriftsteller von internationalem Rang. Über Jahrzehnte wußte keiner von ihnen von der Existenz des anderen". So etwas nennt man ein Familiengeheimnis, und die Welt besteht beinahe im Wesentlichen aus solchen. Trotzdem ist diese Geschichte beispielhaft in ihrer wilden Romantik und weil eben einer der beiden Brüder Ian McEwan ist, der britische Schriftsteller und Booker Preisträger (1998), der Familiengeheimnisse, Lügen und den Griff der Vergangenheit nach der Gegenwart zum wiederkehrenden Stoff seiner Bücher gemacht hat, besonders in einem seiner letzten: "Abbitte" (Diogenes Verlag Zürich 2002,englisch "Atonment", Übersetzung Bernhard Robben).

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Hier hat also die Realität die Fiktion eingeholt: es ist die Geschichte von Rose, einer Engländerin aus der Londoner Vorstadt, die während des Krieges, als ihr Mann an der Front ist, eine Liaison mit einem Offizier eingeht. Ein Kind kommt zur Welt und Ernest, der Ehemann, kündigt seine Heimkehr an. Da gibt Rose im "Mercury Reading" eine Annonce auf: "Suche Zuhause für einen Monat alten Säugling. Wird garantiert rückhaltlos zur Adoption freigegeben". Das kinderlose Ehepaar Sharpe antwortet auf die Anzeige. Im Bahnhof von Reading (an der Themse) erfolgt die Übergabe. Aber Ernest muss wieder an die Front und stirbt bei der Landung in der Normandie. Exit Ernest, erscheint David McEwan, der Vater des ausgesetzten Kindes. Man heiratet, ein zweites Kind wird geboren: der spätere große Schriftsteller. Sechzig Jahre sollte es dauern bis, dank der Nachforschungen durch die Heilsarmee, die beiden Brüder, die nur ein paar Kilometer von einander getrennt leben, sich finden. Der Maurer hat dem Schriftsteller vorgeschlagen, die Geschichte aufzuschreiben. Der Schriftsteller hat abgelehnt, und jetzt schreibt sie der Maurer auf...


Ian McEwan,geboren 1948, wuchs als Sohn eines britischen Offiziers in Asien, Deutschland und Nordafrika auf, studierte in England (Universität East Anglia, Malcom Bradbury’s Kurs "Kreatives Schreiben") mit der Perspektive Schriftsteller. Unter mehrere Auszeichnungen auch der Shakespeare Preis der Hamburger Alfred Töpfer Stiftung 1999.

Felicitas von Lovenberg schrieb in der FAZ vom 31. August 2002 zu "Abbitte":
"Schon in seinem 1978 veröffentlichten "Zementgarten" hat McEwan die unheimliche Zone zwischen Kindheit und Erwachsensein beleuchtet." Sie zitiert aus dem Roman:""Von einem Erwachsenen gehaßt zu werden aber glich der feierlichen Aufnahme in eine neue Welt, war gleichsam eine Beförderung."
2006 wurde McEwan vorgeworfen, er hätte Lucilla Andrews’ (1919-2006, bekannte Autorin vieler "Krankenhausromane") Autobiographie "No Time for Romance" (Keine Zeit für Romanzen) plagiiert, obwohl er seine Quelle im Buch anerkennt und Andrews kurz vor ihrem Tod die Anerkennung noch amüsiert zur Kenntnis nahm. McEwan verwahrt sich energisch gegen den Vorwurf. Unter den vielen Schriftstellerkollegen, die seine Ansicht unterstützten auch Thomas Pynchon (geb. 1938, amerikanischer Autor).