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Schon wenn man nur das Foto sieht, kann einem übel werden: eine Frau und im Vordergrund ein Riesenhaufen von Müllsäcken der sie teilweise verdeckt, das erinnert uns an jene schrecklichen Tage als die Müllfahrer streikten und die Städte in Frankreich unter Bergen von Hausmüll und Abfällen zu verschwinden drohten. Die meisten ausländischen Korrepondenten, besonders die nordamerikanischen amüsierte unser kleines, immer wieder von sozialen Bewegungen gebeuteltes Hexagon, und mit schadenfroher Miene hielten sie sich die Nase zu...

Na ja, jetzt haben die Ratten den Atlantik überquert und breiten sich in den Straßen von Toronto aus, in der Hauptstadt der kanadischen Wirtschaft, der Lunge des Landes. 24 000 Müllarbeiter der Stadt sind seit zwei Tagen in einem Ausstand, der sich, wie es aussieht, in diesem Modellstaat des wirtschaftlichen Liberalismus zu einem historischen Kräftemessen steigern kann. Arbeiter und Angestellte sind bereit, sich ohne zeitliche Begrenzung mit Arbeitgebern und Bevölkerung um ihre Arbeitsbedingungen zu streiten: um das Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz, um Berücksichtigung des Dienstalters, aber vor allem um die Fortdauer ihres Rechts auf 18 freie Tage aus Krankheitsgründen...

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Eine Reihe von städtischen Diensten sind bis auf weiteres eingestellt: die Bibliotheken, die Unterhaltsarbeiten in den Parks, die Kindergärten, die Müllabfuhr und die Fährdienste - der Wasserstraßentransport, ein altes Erbstück aus Zeiten der Eroberer, eine Art Rückgrat der immensen Wasserflächen. Schon nach zwei Tagen werden erste Anzeichen der Streikbewegung sichtbar: das Gras ist gewachsen; in den Straßen sieht man weniger lesende Menschen; die Flüsse fließen ruhig dahin. Dagegen herrscht Chaos in den Einfamilienhäusern wie in den Appartmentwohnungen. Familienmütter und -Väter bewegen sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Aber vorallem ändert sich zusehens das Straßenbild mit Barrikaden aus Abfällen in der ganzen Megapolis...

Die Spannung steigt. Streikposten wurden von Bürgern, die ihre Müllsäcke zur Müllsammelstelle bringen wollten und nicht eingelassen wurden, mit Gewalt bedroht. Bürger die ihre Müllsäcke in der Straße abluden wurden am Ende mit 380 kandischen Dollars zur Kasse gebeten. Manche sollen sich fast zu Handgreiflichkeiten haben hinreißen lassen.

In diesem Streik häufen sich nicht nur die Abfälle, sondern auch die Unzufriedenheiten: die städtischen Angestellten mussten mit ansehen, wie gewisse Beamte mit ihren Gehältern und Zusatzleistungen auf immer größerem Fuß leben konnten, während sie selbst nicht nur leer ausgingen, sondern ihre Tariflöhne sogar verringert wurden.

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Margret Wente erwähnt im Globe and Mail noch einen weiteren perversen Umstand, diesmal die Umwelt betreffend: mit der Mülltrennung, mit den vielen Mülleimern hat man uns richtiggehend zu unbezahlten Müllverwertungsunternehmen gemacht. Die Müllabfuhr arbeitet nicht mehr für uns, sondern wir für die Mülldienste. Wir riskieren, dass wir an den Pranger gestellt, oder demnächst gar öffentlich ausgepeitscht werden, falls wir aus Versehen eine Erbse im Plastikmüll entsorgt haben... Wir alle haben diese Art von Müllbehälterdiktatur auf die eine oder andere Weise erlebt. In Europa scheint sie mir besonders in Deutschland verbreitet. Dort werden die Stadte jetzt durch große Behälter in abscheulichen Farben verunziert... Doch das Übel gewinnt überall an Boden.