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Sie sind zu fünft in einem roten Cabriolet. Vier Frauen und ein Mann. Jung, gekleidet wie für eine Party und anscheinend reich. Die Frauen starren nach rechts, aber man sieht nicht, was ihre Aufmerksamkeit erregt. Eine hält sich die Nase mit einem Taschentuch zu, eine andere fotografiert mit ihrem Handy. Im Hintergrund ein paar Männer, ebenfalls jung, mit und ohne Handy am Ohr. Dahinter Trümmer, eingestürzte Mauern, ein umgefallener Schrank, Pflanzen. Das Bild wurde von dem amerikanischen Fotografen Spencer Platt am 15. August 2006 in Beyrouth, nach den israelischen Bombenangriffen, aufgenommen und wurde mit dem internationalen Preis für das beste Pressefoto ausgezeichnet. In der letzten Woche war es auf mehreren Titelseiten rund um die Welt zu sehen. Quasi lyrische Legenden streben nach Angemessenheit: "Die Schönen und der Krieg" titelt die Süddeutsche Zeitung und zitiert die Jury: "Komplexität und Widerspruch inmitten des Chaos", "Reichtum und Schönheit inmitten der Bombenkrater" der oesterreichische Kurier, "Jeunesse dorée in den Ruinen von Bagdad" der tschechische Dnes, und die brasilianische Gazeta Do Povo kommentiert mit einer Frage: "La Dolce Vita?"

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Das Bild ist schön. Zu schön. Es erregt Unbehagen. Nicht nur weil es den Voyeurismus von ein paar jungen, sensationshungrigen Leuten darstellt. Sondern weil es gestellt anmutet, fast wie eine allzu saubere Fotomontage. Von vorne bis in die Tiefen scheinen sich die Ebenen eher zu überlagern, anstatt aufeinander zu folgen. Und man fragt sich auch, warum der Fahrer aufmerksam auf die Straße sieht, obwohl er so langsam fährt. Warum gibt es überhaupt keinen Blickkontakt mit den Leuten zu Fuß? Kann in einer verwüsteten Umgebung so ein aufälliges Auto ohne Schaden überhaupt fahren? Ein Pressefoto ist nicht unbedingt eine Momentaufnahme der Realität. Ausschnitt, nachbearbeitete Farben und Kontraste können durchaus einen irrealen Eindruck vermitteln.

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Auch sie waren jung (ihre Zähne sind noch in Ordnung), ob reich, das weiß man nicht, aber sie scheinen sich geliebt zu haben und aller Wahrscheinlichkeit nach starben sie eines gewaltsamen Todes. Archeologen haben sie in der Nähe von Mantova in Italien, 40 km von Verona, gefunden. Sie wurden vor 5000 Jahren, vielleicht vor 6000 Jahren begraben, die Skelette liegen zärtlich sich umarmend da: "Ich werde Dich ewig lieben" titelt die Washington Times. Elena Menotti, die Forscherin, die die Liebenden in ihrer Umschlingung in einer spätneolytischen Nekropole entdeckte, ist hingerissen: "Über tausende von Jahren hinweg, spüren wir die Kraft ihrer Liebe. Denn mit Sicherheit ist es Liebe, was ihre Nächsten haben andeuten wollen". Das Verhältnis zum Tod hat sich über Jahrtausende hin offenbar wenig geändert...

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Das Verhältnis zum geliebten Menschen hat sich über die Zeitalter hinweg auch nicht sehr geändert. Von damals bis heute, bleibt Eifersucht eine konstante Größe. Die Frau, die sowohl das Opfer (im Gefühl) wie auch die Schuldige ist (was die Versuchung angeht, tätlich zu werden), fiel von hoch oben, sehr hoch, oben herunter, nämlich vom Himmel... Vielleicht gab eine letzte Reise zu den Sternen den Anlass zu einem Anfall von Wahnsinn für Lisa Marie Nowak. Wir finden sie in der letzten Woche auf den Titelseiten der seriösen wie der Sensationspresse jenseits des Atlantik. Lisa Nowak ist Astronautin, Mitglied der NASA-Elite, sie hat 1500 Flugstunden hinter sich und erlebte den Höhepunkt ihrer Karriere im Juli 2006 an Bord der Raumfähre Discovery. Beim Training hat sie sich in einen anderen Piloten verliebt, der auch mit der Discovery starten sollte, nur sechs Monate später. Sie hat eine andere Laufbahn eingeschlagen, eine sehr viel irdischere, von Texas nach Florida, eine Rivalin auszuschalten. Sie wollte die Militärpilotin Coleen Shipman nach ihrer Landung in Orlando erledigen.

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Interessant ist, das Titel und Fotos (die Niedergeschlagene Seite an Seite mit der strahlenden Siegerin) die das eigentlich uninteressante Vorkommnis begleiten, das Thema Fall bis zum letzten durchspielen: "Der brutale Abstieg einer Astronautin" (Los Angeles Times), "Die bizarre Reise der Astronautin endet vor Gericht" )Miami Herald International), und schließlich ein Wortspiel: "The dark side of the loon" (statt moon) - "Die dunkle Seite des Liebchens" (die New Yorker Daily News). Sein oder Nichtsein, das ist die Frage...