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"Stirbt der Sozialismus?" Mich gruselte, als ich am Tag nach der Niederlage der Sozialdemokraten in Deutschland und am Tag bevor Gordon Brown der englischen Arbeiterpartei den Todeskuss verpasste, diesen Aufmacher der Herald Tribune entdeckte... Dann gruselte es mich noch stärker, als ich den ersten Satz des Artikels las: "Ein Gespenst geht um in Europa..." Also, die International Herald Tribune kennt ihre Klassiker, nimmt die gute alte Formulierung, mit der Genosse Marx das Kommunistische Manifest einleitete, und dreht sie um zum Abgesang. IHT zufolge ist das, was da in Europa umgehtt, nicht mehr das Gespenst des Kommunismus, sondern dessen Ende, eine Art Geist, der von einem Land zum anderen springt, von den sich verzettelnden französischen Sozialisten zur orientierungslosen deutschen SPD oder zur deprimierten Labourpartei. Und das genau dann, wenn der Kapitalismus Pleite geht, setzt Steven Erlanger, der Totengräber der europäischen Linken, noch eins drauf. Er stützt seine These sogar mit einem Zitat von Bernard Henri Levy, der anfangs des Monats verkündete, die französische sozialistische Parei sei tot. Die Referenz signalisiert wohl nicht nur den Tod des Sozialismus, auch das Denken scheint am Ende ...

Der Leitartikler mag seinen Spaß daran haben, die neuerlichen Katastrophen aufzuzählen: "Wo die linken Parteien die Macht haben, sind sie heftigen Angriffen ausgesetzt wie in Spanien oder in Großbritannien. Und dort wo sie nicht mehr an der Macht sind, in Frankreich, in Italien, und nun auch in Deutschland, sind sie müde und zerstritten ." Umsomehr, als die Rechte in diesem alten Europa den Linken die Ideen klaut, meint unser Analytiker zum Schluss...

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Die europäischen Tageszeitungen geben den Kassandren, die das Ende des abendländischen Sozialismus verkünden, Wasser auf ihre Mühlen. "Ein letztes Mal die Würfel!" schreibt der Guardian zu Gordon Brown, wo das Blatt aus Manchester doch seit eh und je auf Seiten der Arbeiterpartei steht. "Am Rande des Abgrunds!" sagt die Times, deutlich weniger versöhnlich.

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Jenseits des Rheins ruhen die Klagemänner auch nicht. Die sehr seriöse, aber auch konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, bedient sich einer ungewohnten Sprache, wenn sie über die Zukunft der Sozialdemokratie sinniert: "Was bleibt zurück von solchen Hahnenkämpfen, wenn gar eine der Hauptfiguren der SPD, Franz Müntefering, die Opposition, also seine eigene Partei als einen "Misthaufen" bezeichnet. Da fragt man sich doch, wer da oben auf dem Misthaufen krähen wird?"

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Die Tageszeitung titelt wenig schmeichelhaft "Der Halbstarke" und attackiert heftig die alten Genossen der Sozialdemokratie in ihrer Führungsriege mit Männern wie Frank-Walter Steinmeier und Gerhard Schröder, die die deutsche Linke in die Katastrophe geführt hätten.

Merkwürdig nur, dass niemand den Aufstieg bemerkt oder bemerken will, den neue Parteien weiter links nehmen, wie Die Linke und vorallem, wie beträchtlich die Wahlbeteiligung schwindet. Ein Gespenst geht um in Europa, nämlich das Gespenst der Wahlenthaltung...