In einer seiner Novellen (Il crollo della Baliverna) hat der italienische Romancier Dino Buzzati beschrieben, wie ein imposantes altes Gemäuer, die Baliverna, von einem Ausflügler, der darin herumkletterte, ganz unerwartet zum Einsturz gebracht wurde: der Kletterer griff nach einem Eisen im Mauerwerk, das sich löste. Er verlor den Halt und sprang zu Boden. Ohne Schaden. Ein anscheinend lose herumstehender Pfosten fiel um, er gab das Klettern auf und kehrte dem Bauwerk den Rücken. Da sah und hörte er, wie sein wartender Begleiter in einigem Abstand in Entsetzen ausbrach. Gleichzeitig ohrenbetäubender Lärm in seinem Rücken. Die Baliverna stürzte erst langsam, dann immer schneller in sich zusammen. Es soll vorkommen, daß auch die Presse auf lockere Eisen und unversehens umfallende Pfosten trifft. Wie der Leser im Folgenden vielleicht erfahren wird.

Wer in dieser Woche der globalen Fußball-Tollheit entkommen wollte, mußte nach Indien gehen. Nicht, daß dieses Land gar kein Interesse gezeigt hätte (allerdings hat man sich bis zur Eröffnung Zeit gelassen). Nur, im Vergleich zu den traditionellen und deutlich feineren Sportarten wie Rasenhockey (der Lieblingssport), Cricket, Carrom, Kabbadi, Kho Kho oder auch Yoga, ist der indische Fußball über den embryonalen Zustand nicht hinausgekommen.

Im übrigen ist die große Nation mit ihrer jahrtausende alten Kultur schon seit zehn Tagen wegen eines Skandals in hellem Aufruhr. Tag für Tag sorgt ein Schmierentheater, eine böse Mischung aus Politik, Drogen, Korruption und Ehebruch für Schlagzeilen in allen indischen Zeitungen. Gleich in welcher Sprache, ob Englisch oder Hindu, Urdu, Bengalisch, Tamilisch, usw., usw.

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Im Visier der indischen Presse eine Familie, eine politische Partei und ein ganzes System kommunizierender Röhren. Der junge Rahul Mahajan, Ausbund einer Jeunesse dorée, ist des Drogenmißbrauchs angeklagt. Übrigens wäre er bei seiner vorerst letzten Reise ins künstliche Paradies um ein Haar auf der Strecke geblieben; sein Sekretär starb an einer Überdosis. Drei Wochen zuvor war der Vater, Pramod Mahajan einem Mord zum Opfer gefallen.

Dieses Familiendrama ließ sich nicht einfach unter Verschiedenes abhandeln. Pramod Mahajan kam aus bescheidenen Verhältnissen, war Journalist und wurde der Führer der mächtigen BJP (Bharatiya Janata, Volkspartei. Eben jener nationalistischen Gruppierung, rechter als rechts, die von 1998 bis 2004 an der Regierung war. Des Mordes verdächtigt wird sein Bruder, den er wohl ständig gequält hat. Die Frau des Bruders war seine Geliebte.

Der Sohn (den man auf den Posten des Vaters hat hieven wollen) wurde in einer sehr renommierten öffentlichen Klinik behandelt. Die Ärzte liessen sich bestechen und fälschten die Untersuchungsergebnisse. Die indische Version der Familia Borgia.

So wird die größte Demokratie der Welt durch einen Skandal derart aus den Fugen gebracht, daß die Erschütterungen durch Clearstream in einer der ältesten Demokratien der Welt kaum noch der Rede wert sind. Was den Ernst der Sache angeht, versteht sich...


Dino Buzzati-Traverso (1906-1972) aus Mailand und San Pellegrino im Veneto, studierte Jura (sein Vater, den er mit 14 Jahren verlor, war Professor für internationales Recht). Nach einem kurzen Aufstieg zum Offiziersanwärter wurde er ab 1929 Mitarbeiter in der Redaktion des Mailänder Corriere della Sera. Eine Tätigkeit, die der Schriftsteller, Zeichner und Bühnenbildner sein ganzes, reiches Leben lang nicht aufgab. "Barnabó delle Montagne" (Die Männer vom Gravetal) erschien 1933 und der Roman "Il deserto dei Tartari" 1940 (Die Tartarenwüste, deutsch 1942!). Zwei Werke unter zahlreichen anderen, realistisch-phantastischen (Franz Kafka war ein Vorbild). 1939 war Buzzati Correspondent im eroberten Addis Abeba, später Berichterstatter auf italienischen Kriegsschiffen. Als die fünf Jahre jüngere Autorin und Journalistin Camilla Cederna (1911-1997)noch vor dem Krieg mit ihm zusammenleben wollte, lehnte er ab, weil sie den gleichen Beruf ausübe, wie er. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens teilte er mit Almerina Buzzati-Antoniazzi. 1976 drehte Valerio Zurlini den gleichnamigen Film nach der "Tartarenwüste" - in Bam/Iran. Die Mondlandschaft der Umgebung illustriert den Zustand der Charaktere (in Szene gesetzt u.a. mit Jean Perrin, Philippe Noiret, Jean-Louis Trintignant, Max von Sydow).

Deutsche Übersetzung von "Il crollo de la Baliverna" in "Des Schicksals roter Faden".