JPEG - 219.6 kB

Sein Blick ist düster, das Gesicht gezeichnet, die Wangen hohl und die Augenbrauen buschig. Er lächelt nicht und scheint nur widerwillig vorangehen zu wollen, das schwere Gepäck auf den Schultern, den Helm in der Hand. Seine Gestalt machte in der ganzen estischen und russischen Presse die Runde. Tatsächlich bewegt er sich nicht, bleibt auf ewig in Bronze gegossen. Jetzt aber wurde er bewegt, der unbekannte russische Soldat, den man in Tallin unsterblich werden ließ und der seit dem Ende des zweiten Weltkriegs im Zentrum der estnischen Hauptstadt seinen Platz gefunden hatte. Die Ortsveränderung führte zu Krawallen, es gab einen Toten, Verwundete und eine nie dagewesene diplomatische Krise zwischen dem kleinen baltischen Staat und seinem riesenhaften russischen Nachbarn, Besatzungsmacht vor noch gar nicht langer Zeit.

JPEG - 77.5 kB

Die Ansicht von der Vergangenheit unterscheidet sich gründlich diesseits und jenseits der Grenze: das postsowjetische Russland hört nicht auf, sich mit dem zweiten Weltkrieg und den Millionen Toten, die er dem Land gekostet hat, zu beschäftigen. Das zeigen Gegenwartsliteratur und Kino. Estland, heute Mitglied der europäischen Union, sprachlich eng mit dem finnischen Nachbarn verwandt, hat über Jahrhunderte allerlei Okkupanten auf dem kleinen Territorium erlebt. Heute möchte es vorallem den sowjetischen endgültig aus der Erinnerung streichen und läuft Gefahr, dass man sich umso mehr an ehemalige Nationalisten erinnert fühlt, die mit den Nazis gemeinsame Sache machten.

JPEG - 279.9 kB

Dieses Jahr hat die Tallinner Stadtverwaltung mit Billigung der Regierung beschlossen, die Statue des unbekannten russischen Soldaten auf einen Soldatenfriedhof zu verpflanzen. Man hat unter dem alten Sockel Grabungen angestellt und ein Dutzend Särge mit den Gebeinen russischer Kämpfer ausgegraben, die dann auch auf den Soldatenfriedhof gebracht wurden. Die russischen Behörden sahen darin eine Beleidigung des Andenkens ihrer Toten. Junge, ultranationalistische russische Demonstranten kampieren seit einer Woche vor der estnischen Botschaft in Moskau und der Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow prangerte das "faschistische Gesicht" der estnischen Regierung an und verlangte den Abbruch aller Kontakte. Der deutsche Außenminister hat zwecks Vermittlung seine guten Dienste angeboten. Das ist der Gipfel! Die Tallinner Linnaleth berichtet ein wenig traurig, ein wenig ironisch von der Geschichte unter dem (russisch-)romanhaften Titel: "Der Bronzesoldat auf dem Friedhof".

JPEG - 99.1 kB

Die russische Tageszeitung Iswestja, heute via Mitbesitzer Gazprom eher regierungsnah, regt sich ironisch über das schlechte Benehmen eines so winzigen Nachbarn auf. Tatjana Witebskaja stellt die Frage so: "Wie kann man unseren kleinen Nachbarn mit dem schlechten Gedächtnis für das was geschehen ist bestrafen?" Und sie fährt fort: "Was für einen Dialog können wir mit Estland führen? Mit diesen Nachbarn, die die ganze Welt glauben machen wollen, dass ihnen moralisch nichts vorzuwerfen sei, diesen Vollmitgliedern der Europäischen Union, die die Geschichte umschreiben und ganz offen ihre faschisierenden Neigungen zur Schau tragen?" Zum Artikel erscheint ein Foto des Soldaten, von seinem Sockel herunter und dahinter gestellt, als ob einem traurigen Schicksal überlassen... Aber dann folgt eine andere Ansicht, die von Maxime Jussin, der dazu aufruft, "die Tatsachen ohne Hysterie und ohne Beschimpfung des "Gegners" zu prüfen, sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen, um diese schwerste Krise zwischen den beiden Ländern seit dem Zerfall der UdSSR zu lösen."

JPEG - 320.1 kB

Noch ein Soldat machte in dieser Woche Schlagzeilen: Harry, der britische Prinz, wird in den Irak gehen, während die Mehrheit seiner - vielleicht einmal - Untertanen meinen, die Hauptaufgabe der langen Regierungszeit (10 Jahre) von Tony Blair würde immer der Irak bleiben, und gleichzeitig der Premierminister sich anschickt, seinen Posten weiterzugeben. Sir Richard Dannatt, Stabschef der Armee seiner Majestät hat nach bestem Wissen und Gewissen die Entscheidung getroffen: Prinz Harry wird wie jeder andere Soldat in den Irak gehen.

JPEG - 300.5 kB

Was wird er dort machen? ist die Frage, die die britannischen Tageszeitungen und besonders den Glasgower Herald beschäftigt: wird er in den Stützpunkten im "Hinterland" bleiben, oder wird er "an die Front" geschickt?. Der Prinz hat wissen lassen, dass er enttäuscht wäre, wenn man ihn nicht "an die Front" schicken würde. Der Prinz hat Recht. Etwas Übung ist nicht schlecht wenn nach 300 Jahren gemeinsamen Lebens eine Scheidung mörderische alte Querelen wieder entfachen könnte. Denn heute wählen die Schotten, das ist auch der ausgezeichneten österreichischen Die Presse nicht entgangen. Und mit dem Antrieb der Nationalisten schicken die Schotten sich an, England den Rücken zu kehren. Obwohl der vielleicht zukünftige Londoner Regierungschef Gordon Brown Schotte ist. In Ewigkeit wird auf Skye der Kilt gewebt und der Dudelsack geht rosigen Zeiten entgegen...