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Im Herbst 1980, an Bord eines Schiffes vom italienischen Hafen Ancona durchs Mittelmeer nach Haifa, war Didar Fawzy Rossano zum ersten Mal unterwegs nach Israel. Trotz ihrer 70 Jahre war sie neugierig wie ein junges Mädchen auf das Land, das in ihrem Leben schon so lange eine Rolle spielte, im Guten wie im Schlechten. Die Insel Rhodos und die kleinen, herrlich mundenden Feigen lagen zurück, als die israelischen Zollbeamten sie (wie nacheinander alle Passagiere) zur Passkontrolle riefen. Der junge Beamte gab sich alle Mühe zu verstehen: "Sie leben in Genf, Sie haben die britische Staatsbürgerschaft, Sie sind in Kairo geboren, Ihre Sozialversicherung ist eine italienische und Ihr Führerschein ist ein algerischer. Und Sie nennen sich Diane oder Didar?" In ihrem unvergleichlichen Tonfall, mit dem rollendem R, haspelte sie Stationen ihres Lebens ab, und der Grenzschutzbeamte gab ihr, bewundernd und beinah zärtlich lächelnd, den Pass zurück. Didar konnte ihre Reise und ihre Arbeit fortsetzen und ihren Kampf. Auf dem Weg nach Haifa hatte sie zwar nicht nur aber auch die Annäherung von Israelis und Palästinensern im Kopf.

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Sie kam im August 1921 in Kairo zur Welt, umgeben von den Annehmlichkeiten einer wohlhabenden jüdischen Familie in der damals kosmolitischen, ebenso lauten wie lebendigen, ägyptischen Hauptstadt, Wenn sie erinnern wollte, dass derzeit von Antisemitismus keine Rede sein konnte, erzählte sie, wie ihre Schulkameraden, ob Moslems oder Christen, sich als Juden ausgaben. Früh wollte sie die Welt sehen: mit 12 Jahren brannte sie mit einem Vetter durch. Aber auf dem Weg in das erträumte Amerika wurden die beiden noch eh sie an Bord gehen konnten, wieder eingefangen. Als sie ihren 18ten Geburtstag feierte, brach der Zweite Weltkrieg aus. Anifaschistische, kommunistische oder nationalistische Strömungen breiteten sich in Ägypten aus, angestoßen von den britischen, französischen und jüdischen Gemeinden. Eine Figur trat für sie in den Vordergrund: Henri Curiel, ein entfernter Vetter aus einer der wohlhabensten Familien Kairos. Der hatte gerade sein Dandydasein gegen das eines unbeugsamen Kämpfers für den internationalen Kommunismus, für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien und für den Palästinensisch-israelischen Frieden eingetauscht. Didar folgte ihm, brachte mit ganzer konsequenz öffentlich und privat ihr Leben und die revolutionäre Arbeitskraft zum Einsatz.

Der erste Mann, von dem sie sich beeindrucken ließ, war ein liberaler Offizier, Teilnehmer an jenem Staatsstreich mit dem Nasser 1952 die morsche Monarchie wegfegte. Es war vielleicht nicht immer leicht für die Töchter der beiden, Névine und Maira, die sie innig liebte, so manches Mal aus der Ferne, deren Lebensweg sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenken wollte ohne dass sie jemals versucht hätte, sie zu beeinflussen. Sie konnte harnäckig sein, dabei aber nicht starrköpfig.Einmal begegnete ich ihr in der Pariser Metro mit ihrer Enkelin Gwénaelle, die damals zehn Jahre alt war. Am Vorabend und davor den Abend hatten sie sich das Dschungelbuch und danach Schneewitchen und die sieben Zwerge angesehen. Aber weiter wollte Didar in dem Kompromiss mit dem amerikanischen Kapitalismus nicht gehen, bitte nicht auch noch die 101 Dalmatiner! Gwenael ließ sich aber nicht abbringen, lustig lächelnd, voller Siegesgewissheit. Ich erfuhr dann auch später, dass Didar dem verabscheuten Film nicht entkommen war.

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Bei allem Tun Henri Curiels war sie dabei: Ende der Vierziger Jahre in Ägypten bei der Gründung der kommunistischen Partei, in Frankreich bei der Unterstützung der Algerier von der Befreiungfront Algeriens von den 50er Jahren bis zur Unabhängigkeit (sie "trug Koffer" (Waffen und Geld d.Ü), wurde verhaftet, entkam 1961 in einer spektakulären Flucht aus dem Frauengefängnis der Prison de la Roquette) und darüber hinaus nahm sie Teil am Experiment eines algerischen Sozialismus, zeichnete sich in der Jugendarbeit aus. Im nahen Osten ging es darum, Kontakte zwischen den einen und den anderen herzustellen, in Südafrika lag die Unterstützung der Streiter gegen das Apartheidsregime an, usw... Dann wurde Henri Curiel am 4. Mai 1978 von einem Söldnerkommando ermordet. Ihre Tätigkeit verlangsamte sich, aber sie gab keineswegs auf. Verlagerte ihr Engagement auf die Ebene des Schreibens und Forschens, publizierte eine Doktorarbeit über den modernen Sudan und verfasste ihre Memoiren. Als alle Welt nach dem 11. September in Aufregung geriet, schrieb sie uns ihre Überlegungen zu den Auswirkungen. Und schließlich, in den vergangenen Wochen begeisterte sie sich bei den revolutionären Nachrichten aus dem geliebten Ägypten, wie auch aus Tunesien und anderswo.

Es ist jetzt zwei Jahre her, dass sie mit einigem Zögern meinte, heutzutage sei zweifellos das Ringen der Frauen für ihre Rechte und ihre Emanzipation das allerwichtigstei.

Sie hatte einen schnellen Gang und ging immer geradeaus. Die mit Schritt halten wollten mussten manchmal laufen. Ein Auto war stärker als sie , in Genf, an einem Nachmittag im Mai 2011. .