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Ihre Wähler nennen sie vertraulich "Didi", deutsch "große Schwester". Eine kleine fünfundfünzigjährige Frau hat entschlossen die Geschicke in Westbengalen, einem der meist bevölkerten Teilstaaten Indiens in die Hand genommen. Mamata Banerjee hat am 13. Mai 2011nach 34 Jahren die einzige im zwanzigsten Jahrhundert demokratisch gewählte marxistische Regierung der Erde zu Fall gebracht.

Westbengalen, das noch nie von einer Frau regiert wurde, liegt "ganz oben rechts" auf dem Subkontinent, zählt ein starke moslemische Minderheit, aber die Hindous haben die Mehrheit, und die neue eiserne Lady des Landes gehört dieser Religion an. Die Hauptstadt nennt sich seit ein paar Jahren Kolkata, damit der britische Kolonisator, der sie Calcutta nannte und zweifellos auch die an dem alten Namen klebenden, deprimierenden Bilder der Armut endgültig in Vergessenheit geraten.

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Mamata Banerjee ist Single, anscheinend eine weitere Besonderheit in Indiens politischer Lanschaft, obwohl doch den Frauen seit der Unabhängigkeit viel Platz eingeräumt wird, siehe Indiens ehemalige Ministerpräsidentin Indira Ghandi. Banerjee kommt aus einem bescheidenen Mittelklassemilieu und hat Geschichte studiert. Keinerlei Auffälligkeiten, wenn nicht die einer ausgeprägten Hemmungslosigkeit von frühester Kindheit an. So sprang die junge, politisch bereits sehr engagierte Frau in den 70er Jahren auf die Kühlerhaube eines Autos und begann zu tanzen: der Fahrer war Jayaprakash Narayan, einer der bekanntesten Politiker Indiens, ein Freiheitskämpfer der zur harten sozialistischen Opposition gegen Indira Ghandi übergegangen war. Didi kultiviert derart insolentes Verhalten und hat daraus ihre schärfste Waffe im Wahlkampf um Westbengalen gemacht. Ihre Widersacher finden, sie sei zu populistisch; immerhin ist sie keineswegs ein Neuling auf der Regierungsebene, war sie doch bis zu ihrem Frühjahrswahlsieg Transportministerin in der Bundesregierung. Ihre Anhänger prophezeien ihr eine Karriere auf nationaler Ebene. Doch sie konnte auch von allgemeiner Enttäuschung in Bengalen profitieren, vom Scheitern der Wirtschaftspolitik der Marxisten und von deren wilder Verstaatlichung von Ackerflächen zur Industrieansiedlung.

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Heute tanzt Mamata Banerjee nicht mehr auf Kühlerhauben, aber landet nach wie vor überraschende Aktionen. Die, die da Ministerpräsidentin geworden ist, mit Unterstützung des Trinamool, einer ganz nach Muster der nationalen indischen Kongresspartei gebildeten Partei, die sie seit 15 Jahren leitet, hat zunächst einmal nicht weniger als 9 Ministerien an sich gezogen, und keine unbedeutenden: Inneres, Gesundheit, Familie, Landwirtschaft und Bodenreform, Information, Kultur, Öffentliche Verwaltung, Erziehung und Minoritäten! Man könnte sagen die Göttin mit den vielen Armen... Im übrigen ist sie allgegenwärtig und zwar beinahe synchron, wenn sie zum Beispiel inkognito von einem Krankenhaus zum anderen eilt, um Unregelmäßigkeiten aufzuspüren und am nächsten Tage die Klinikdirektoren einen nach dem anderen zu entlassen.

Die Hindustan Times in eigener Ausgabe für Kolkata, die bisher sehr loyal zur kommunistischen Partei Indiens stand, ließ sich (wenn auch mit leichter Ironie) von der Lady überzeugen und berichtet von einem Tag im Leben von Didi, "16 Stunden non stop , in denen sie sehr viel in den Mund nimmt, nur keine Nahrung". Das Ergebnis ist dies:

8Uhr: Der Tag der Ministerpräsidentin Mamata Banerjee beginnt. Nach kurzer Morgenwäsche läuft sie auf dem Rollteppich ihrer Residenz 30B Harish Road Chatterjee in Kalighat.

9 Uhr: Frühstück mit ihrem (anregenden) Lieblingstee und Puffreis. Das Telefon klingelt. Sie antwortet allen, beinah simultan. Sie spricht mit Subrata Bakshi, dem Eisenbahnminister und mit Mukul Roy, Direktor eben dieser Bahn, des Transportwesens, der Parteil usw.

10 Uhr: sie bereitet sich auf den Tag vor, gibt zugleich Anweisungen ihre kranke Mutter betreffend. Sie geht nach oben und wechselt ein paar Worte mit der Mutter.

11 Uhr: Ein kurzer Blick auf die Fernsehschirme, auf die Zeitungen, Bevor sie das Haus verlässt verweilt sie noch einen Moment bei ihrer Mutter.

11h20: Ihre Leibwächter stehen bereit, Journalisten beobachten den Hauseingang. Sie zwängt sich in ihr eigenes Auto, die kugelsichere Karosse, die den Premierministern zur Verfügung steht, hat sie abgelehnt.

11h30: Das Auto hält wie jedes andere bei jedem Stoppschild, an jeder roten Ampel. Sie hat die Polizei gebeten, keine besonderen Vorkehrungen zu treffen, wie etwa ihrem Konvoi freie Fahrt zu sichern.

12 Uhr: Der ministerielle Konvoi erreicht das Öffentliche allgemeine Krankenhaus von Bhagajatin: Ärzt/inn/e/n, Krankenpfleger/innen, Kranke und Angehörige sind starr vor Schreck. Sie steigt aus dem Wagen und sucht den Direktor, der leider abwesend ist. Egal, sie läuft durchs ganze Krankenhaus, spricht mit den Ärzten und dem übrigen Personal.

13 Uhr: Sie kommt beim Schriftstellerhaus an. Dort beginnt sofort eine Besprechung mit den Lehrern.

13h20: Sie leitet eine Besprechung mit Manish Gupta, dem Staatsminister für Planung und Entwicklung ein, anschließend eine solche mit Amit Mitra, dem Finanzminister des Staates.

14h45: Besprechung mit dem Minister Jyotipriyo Mullick, zuständig für Ernährung und Hungerhilfe. Dann kommt eine Sitzung zum (irrsinnigen) Verkehrsproblem von Kolkata. In Sitzungspausen nimmt sie ein paar Tassen The zu sich, Distelkörner und Puffreis.

15h30: Sie tritt ihrem Büro auf die Terasse: "Ich hab ein paar Ankündigungen zu machen, sagt sie. Eine nach der anderen verkündet sie die Regierungsentscheidungen: Erhöhung der Reis und Mehlzuteilungen an Bedürftige; Neuordnung der Parkplätze in Kolkata. Dann wendet sie sich lächelnd an die Journalisten: "Ich habe eine Besprechung zu Erziehungsproblemen um vier Uhr, erlauben sie mir, diese zum Ende zu bringen, dann stehe ich ihnen wieder zur Verfügung". Sagts und verschwindet in ihrem Büro.

16h20: Sie trifft den Bildungsminister Bratya Basu und bittet ihn, die Presse zu informieren.

17h30: Besprechung mit dem Justizminister Malay Ghatak in Sachen einer Freilassung der politischen Gefangenen, was ihr Wahlversprechen war.

18 Uhr: Sie trifft einen behinderten Schwimmer, dem sie Hilfe versprochen hat.

18h15: Erneut beim Justizminister.

19 Uhr: Sie spricht mit Journalisten, dann mit dem Anwalt Sovan Chatterjee und schließlich noch mit bestimmten Parteifunktionären.

19h30: Sie fährt direkt nach Hause, wo sie mehrere Besucher erwarten, unter anderem eine Gruppe Intellektueller.

21 Uhr: Telephongespräch mit Abgeordneten; zurück zu Mukul Roy von der Eisenbahn.

21h30: Sie begibt sich ins Nachbarhaus, spricht mit ihren Brüdern und erkundigt sich, wie es ihrer Mutter geht.

22h30: Sie legt ihr Programm für den morgigen Tag fest, bespricht sich mit engeren Parteifreunden.

0h12: 20 Minuten Laufen auf dem Rollteppich. Sie behauptet, das entspanne sie.

3 Uhr: Sie geht zu Bett.

Wir auch. Uff!