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Diesseits und jenseits des Atlantik widmen zwei große Tageszeitungen ihre Titelseiten an diesem 11. November den Kriegsveteranen, jedoch nicht denjenigen derselben Kriege. Die Londoner The Independant befasst sich mit dem ersten Weltkrieg, 1914-1918, und mit dem 11. November, während die kanadische National Post sich den zweiten Weltkrieg vornimmt, denn dort gedenkt man an diesem düsteren Jahrestag ganz allgemein der Toten sämtlicher Kriege. Aber abgesehen von diesem Unterschied kommt die Achtung vor der Erinnerung in beiden Blättern gleich zum Ausdruck : man zitiert, was die gesagt haben, die da in Tod und Schrecken geschickt wurden.

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In der britischen Zeitung, zufällig gerade über den letzten Meldungen aus dem "schlechten Krieg" in Afghanistan, stellt der Journalist Robert Fisk, seiner Herkunft nach ein Ire und bekannt durch seine großen Berichte aus dem Vorderen Orient samt Interview mit Ben Laden, die Frage : Worte, Briefe, Gedichte, Erzählungen, die die Soldaten von den Schlachtfeldern ihren Familien schickten, Zeilen und Verse über die Schrecken des Krieges, haben Generationen überdauert und geprägt. Aber haben solche Worte in einem Zeitalter wo alles in Bildschirm, SMS, Blog und Email aufgeht, noch ihren Sinn ? Überliefern sie immer noch etwas über die Wirklichkeiten, die niemand noch einmal erleben möchte ?

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Sein eigener Vater hatte die fürchterlichen Nahkämpfe an der Somme, bei Ypres und bei Verdun erlebt. "Der Große Krieg war nichts als eine schreckliche Verschwendung" hatte Bill Fisk eines Tages zu seinem Sohn gesagt... Durchdrungen von den Erzählungen seines Vaters, von den Strophen der Kriegsdichter - gesteht der Robert Fisk, aus dem ein großer Reporter wurde - habe ihn die Sprache von 1914/18 in seinen Reportagen von den Schlachtfeldern lyrisch "infiziert", besonders als er, Mitte der 80er Jahre, aus dem Iran-Irak-Krieg berichtet habe.

Als die Revolutionsgarden der persischen Armee den Shatt-El-Arab überquert (genau da, wo 1915 die britischen Truppen gestanden hatten) und die irakische Halbinsel Fao genommen hatten, veranstalteten sie ein Massaker "rund um uns herum lagen die gerade getöteten Soldaten im Dreck. Eine Leiche sehe ich in einem Granattrichter, einen jungen Mann in sich gekrümmt, in foetaler Stellung wie ein Kind, die Haut bereits dunkel verfärbt, einen Ehering am Finger. Mich fasziniert der Ring. In der warmen goldenen Morgensonne geht von ihm ein Glanz aus und ein Strahlen, das lebendiger und frischer nicht sein könnte. Der Junge hat schwarzes Haar und mag 25 Jahre alt sein. Wo hätte er jetzt sein sollen ? Müssen wir die Uhr anhalten, wenn uns der Tod überrascht ? (...)Ich schaue wieder auf den Ring. Eine arrangierte oder eine Liebesheirat ? Wo hat diese Sodatenleiche gelebt ? ... Und seine Frau ? (...) Irgendwo nördlich weckt jetzt seine Frau die Kinder, macht Frühstück, sieht zur Fotografie ihres Mannes dort an der Wand und weiß nicht, dass sie schon Witwe ist, und der Ehering ihres Mannes, der an diesem ruhmvollen Morgen von lauter Liebe zu ihr so hell glänzt, einen toten Finger umschließt."

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Die National Post bringt zum Rembrance Day - gleichsam eine Art Schubladentag zu Ehren aller seit eh und jeh für das Vaterland gestorbenen - das Tagebuch eines POW, eines "prisoner of war" des zweiten Weltkriegs, das 2007 zufällig bei einem Umzug in einem Schrank gefunden wurde. Anton Novak war Leutnant der kanadischen Royal Air Force. Am 29 Juli 1944 wurde er bei einem Bombardement abgeschossen, und schwer verletzt gefangen genommen. Das Tagebuch beginnt vier Monate später in der Gefangenschaft. Doch was seine Familie und die Historiker bestürzt hat, geschah später, nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im April 1945.

Nachdem die erste Freude verklungen ist, erzählt Anton Novak Tag für Tag von einem Schrecken, einem anderen als dem der Gefangenschaft : von der Rache der Soldaten der Roten Armee an den Deutschen. Auszüge : "Die Russen bringen die Franzosen um, die sich weigern, ihnen die Deutschen auszuliefern, bei denen sie im Rahmen der Zwangsarbeit untergebracht waren."(...)"Verzweifelte junge Frauen und Mädchen verkaufen sich für ein paar Brotkrumen." (...)"Ich sah einen russischen Sodaten, wie er eine deutsche Frau vergewaltigte, die Frau war starr vor Schreck."

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Am 20sten Mai 1945 wird Anton Novak in den Westen abgeschoben und am 19 Juli kommt er nach Hause, nach Kanada, in die kleine Stadt Kenora, 200 km stlich von Winnipeg. Er öffnet die Türe und findet einen anderen Mann bei seiner Frau. Er zieht sich zurück, verschließt sich und legt seine minitiöse Erzählung in einer Schublade ab. Bevor er am 21. Dezember 1986 im Veteranenhospital von Winnipeg an Tuberkulose stirbt, vertraut er sie einem Freund an... Die Kinder des Freundes graben schließlich nach dem Tod des Vaters das Tagebuch aus, ein ziemlich einmaliges Stück, denn die Zahl überlebender kandischer Kriegsgefangener ist nicht übermäßig groß und die derjenigen, die ihre täglichen Schrecken aufgeschrieben haben, noch geringer.