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In der New York Times von letztem Montag, dem 27. August, stand der Artikel zwar ganz unten, aber immerhin doch auf der Titelseite: "Die Kibbuzim verlieren an Sozialismus, aber sie gewinnen an Popularität." Dieser Titel hatte bei mir (wieder einmal) den Effekt von Prousts kleiner Madeleine (die, als er sie in seinen Tee tunkte, lauter Kindheitserinnerungen heraufbeschwor...). Auf dem Nachttisch meiner Eltern lag immer ein Buch, bis ich es dann las: "Die Traumkinder" von Bruno Bettelheim. Der amerikanische Psychoanalytiker österreichischer Herkunft, unter anderem "Spezialist" für das Kindesalter, beschreibt darin quasi apologetisch die kollektive Erziehung der im Kibbuz geborenen israelischen Kinder: sie wuchsen in einem eigenen Haus auf, bestimmt von Gleichheitsgedanken und gesunder Erziehung, zwischen Natur und physischer Anstrengung... Anzunehmen also, dass dies auch der Traum meiner Familie war, der (zum Glück ?) ein Traum blieb.

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Der Artikel der New York Times beschreibt den moralischen und ökonomischen Bankrott der Kibbuzim in der Welle der allgemeinen "Entkommunisierung" in den 80er Jahren, anschließend die Absage und Aufgabe durch die jungen Generationen bis zum unerwarteten Wiederaufblühen in den letzten zwei Jahren. Die Journalistin fasst etwas zu simpel die "asketische" Ideologie der Pioniere zusammen: "sie entwässerten die Sümpfe und teilten ihre Kleider miteinander und manchmal auch ihre Frauen" (anscheinend doch ein Widerspruch zum Begriff von Askese...). Im Jahr 2000 waren, der Zeitung zufolge, die 257 noch tätigen Landwirtschaftsbetriebe insolvent, die meisten Jungen waren weggezogen und die Gründer auf dem Altenteil hatten nicht einmal mehr das nötigste zum Leben. In diesem Jahr zählt man zich Kibbuzanwärter und die Wartelisten werden immer länger. Neulinge, aber auch alte Kibbuzniks, die zu ihrer Wiege zurückkehren wollen, nachdem sie die urbanen Freuden gekostet haben.

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Die Begeisterung hat sowohl globale wie lokale Gründe: im Herzen der Natur leben, in gesunder Umgebung, weit weg vom wilden Konkurrenzdenken in den sozialen Beziehungen, und geschützt vor den Selbstmordattentaten in den Städten. Aber diese neue Generation, von denen manche/r im Kibbuz aufgewachsen ist, ist weggelaufen vor allzu strengen Regeln im Gemeinschaftsleben. Jetzt ist sie dabei, die Regeln zu erneuern in "einem subtilen Gleichgewicht von kollektiver Verantwortlichkeit und individueller Freiheit". Die neuen Gegebenheiten bedeuten Privatisierung der Dienstleistungen (vor Allem Essenszubereitung und Wäsche), bedeuten Management der Kibbuzproduktion durch bezahlte Wirtschafter, nicht mehr durch die Mitgliederversammlung, bedeuten Privateigentum, Kindererziehung in der Familie und in der Schule. Kurzum, wie Gavri Bargil, der Leiter der "Bewegung Kibbuznik" so schön euphemistisch sagt: "es herrscht nicht mehr die vollkommene Gleichheit, sondern die grundsätzliche Gleichheit."

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Das strenge Leben im Kibbuz war mehrfach Thema in der Literatur, ganz besonders auch in dem ausgezeichneten Kriminalroman "Mord im Kibbuz" von Batya Gur, in dem besschrieben wird wie die schwere Vergangenheit der Mitglieder der Gemeinschaft und das Festhalten um jeden Preis an den strengen Regeln zu dumpfer, krimineller Gewalt führen. Und dieses Jahr rechnet der israelische Filmemacher Dror Shaul in dem wunderbaren Film "Sweet mud" rigoros mit seiner Kindheit in einem Kibbuz ab, dessen strenge Prinzipien zur Folge hatten, dass eine sensible Frau (die Mutter des Regisseurs)psychisch krank wurde und sich das Leben nahm.