Mit Karelien verbindet sich erst einmal die Vorstellung von Seen und Wäldern, von Wasserflächen im Sommer, Eisflächen im Winter, von endlosen Schlittenfahrten auf dem Ladogasee. Man denkt an flaches Land, aus dem die orthodoxen Kirchtürme hervorragen, seit der größere Teil der vormals schwedischen und finnischen Provinz russisch geworden war. Man fühlt fast, wie sich nichts ereignet, nur Stille. Und doch, wenn man heute hinhört, hört man aus dieser Gegend am Rand von Europa, im Nordwesten Russlands, Weinen und Geschrei, Töne der Gewalt und eines fremdenfeindlichen Nationalismus. Nicht erst heute.

Anfang September degenerierte ein Wirtshausdrama, das sich zwischen "russischen" Trinkern und einem aserbeidschanischen Barmann abspielte (Zwei "Slawen" wurden getötet) zu einem Pogrom gegen Kaukasier. Geschäfte und Schulen wurden zerstört, Menschen wurden gejagt, und in den gewöhnlich friedlichen Strassen von Kondopoga im Norden der Hauptstadt kam es zu organisisierten Aufmärschen. Die Affäre machte die Runde in den Schlagzeilen der russischen Presse. Vorallem weil Ultranationalisten das Feuer anfachten. Sie zogen in Kampfanzügen durch die Stadt. Die meisten Tageszeitungen zeigten sich entrüstet über eine Stimmung wie zu Zeiten der Ghettoisierung von Bürgern durch das alte Reich.

In den letzten Monaten nehmen die rassistischen Vorkommnisse in Russland tendenziell zu. Längst schon sah man auf die "schwarzgesichtigen", die aus den zentralasiatischen Republiken kommen, mit der Verachtung der selbstzufriedenen Kolonialherren herab. Auch in der UdSSR, dem Hort der großen Völkerfreundschaft. Seit dem Ende der Sowjetunion kennen Russischstämmige in ihrem Abscheu erst recht keine Zurückhaltung, obwohl die Kaukasier in allen Gegenden zentrale Funktionen ausüben, insbesondere im Einzelhandel, im Reinigungs- und im Baugewerbe. Sie sind gewisser Weise Einwanderer aus dem Inland.

Aber zweifellos ist der Haß nicht ganz von ungefähr in Karelien zum Ausbruch gekommen. Diese Provinz mit ihren vielen Grenzkonflikten in der Vergangenheit pflegt einen poetisch-kulturellen und politischen Nationalismus (Hoffnung auf ein Groß-Finnland). Im Karelianismus, einer Ende des 19ten Jahrhunderts entstandenen Bewegung, finden sich die Bewunderer Kareliens, vorallem des Kalewala, jenes Epos, in das Volksdichtung und Volksgesänge der mündlichen Überlieferung eingegangen sind. Zu solcher Wiederbelebung der Tradition gesellt sich eine erstarkte orthodoxe Gläubigkeit: die nordwestlichen Provinzen Rußlands haben tatsächlich gerade die Einführung von Religionsunterricht, und zwar ausschließlich christlichem, in den Grundschulen beschlossen. Ob die Temperaturen, die im Winter unter minus vierzig Grad fallen, die Gehirntätigkeit erschweren?

Nicht, dass damit alles gesagt wäre. In einer mindestens so zivilisierten Gegend, nämlich im flandrischen Belgien erlebt der Neonazismus eine erneute Blüte. "Bloed-Bodem-Eer-Trouwn" (Blut-Boden-Ehre-Treue) ist die flämische Version des "frankophonen" "Blood and Honour" (sic), jenes Klubs nostalgischer junger Offiziere, die mit einer Serie von Attentaten das Land destabiliseren wollten. Die französischsprachige und wallonische Presse zeigte sich höchst verängstigt nach der Polizeiaktion in den Kasernen. Im Interview mit der Brüsseler Tageszeitung Le Soir qualifizierte ein belgischer Soziologe die glücklicherweise unterbundene Explosion der Gewalt als "revolutionäre Flucht nach vorn". Aber eine Erklärung für die zahlenmäßige Zunahme der Erben des großen Reichs findet sich nicht.

Zurück nach Osten, nach Japan, dem die Befreiung von den alten Dämonen auch nicht gerade leicht fällt. Erst zollt der Premierminister seinen Tribut bei der Ehrung von Kriegsverbrechern, deren Greueltaten die Geschichtsbücher des Zweiten Weltkriegs füllen; dann begeistert sich das Land über der Geburt eines männlichen Erben der kaiserlichen Krone. Der Sohn des heutigen Tenno wird nicht etwa zum ersten Mal Vater. Er hat bereits zwei Töchter. Die Traditionalisten können triumphieren: Vorbereitungen, die Frauen den Zugang zum Thron erlauben sollen, werden ad kalendas graecas - auf den Sankt-Nimmerleins-Tag -
verschoben.

Oder vielleicht doch nur bis zu den "kalendas turcas": die Türken sind nämlich gerade dabei, sich der dringensten Problematik der Gesellschaft unseres Europakandidaten anzunehmen: der Gewalt gegen Frauen und des Mißbrauchs von Frauen in der Familie.


Als Karelien im 13ten Jhdt zum Einflußgebiet der Nowgoroder gehörte, wurden die Einwohner orthodox christianisiert. Als die Schweden ab 1617 in den westlichen Teilen, die Russland abgab, protestantische Religionspolitik betrieben, zogen die orthodoxen Karelier dort weg. Peter I. nahm den Schweden die karelischen Gebiete ab und baute seine Hauptstadt in unmittelbarer Nähe der Karelier. Im Bürger- und Unabhängigkeitskrieg 1918 gewann das neue Finnland gegen die "Roten" karelisches Gebiet, das es 1947 wieder abgab. Heute spricht im (kleinen) finnischen Karelien niemand mehr karelisch (die dritte Sprache der finnischen Familie nach finnisch und estnisch), in der (großen) russischen Republik Karelien noch und wieder etwa 10 % der rund 800000 Einwohner.

Der Arzt Elias Lönnrot (1802-1884) publizierte 1835 und 1849 eine Sammlung mündlich überlieferter Sagen, die er in Karelien hörte und aufschrieb. Das Kalewala wurde bald zum finnischen Nationalepos (im mehr oder weniger autonomen russischen Gouvernement), Jean Sibelius (1856-1965) setzte Musik zu den Stoffen, Axeli Gallen-Kallela 1865-1931 illustrierte, der "Karelismus" inspirierte in Zeiten des Jugendstils und der Art Nouveau Künstler und Architekten.

Seit dem Fall der Sowjetunion gehört Karelien zu den (bescheiden) boomenden Regionen, die Menschen aus (kriegs-)verarmten Gegenden (Tschetschenien, Aserbeidschan) anziehen. Kondopoga (35000 Einwohner), nördlich von Petrosavodsk (Hauptstadt, 280000 Einwohner) am Onega-See gelegen, ist eine Industriestadt (Holzverarbeitung, Papierproduktion).

In einem ehemaligen (ab 1563?) Wappen Kareliens droht "der Westen" mit dem geraden, "der Osten" mit dem krummen Säbel ?...