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Schon seit Wochen ist, abseits von einer weltweiten Medienöffentlichkeit, Argentinien dabei. zu explodieren. Alle schweigen, mit der bemerkenswerten Ausnahme von Le Devoir in Quebec. Dabei vergeht nicht ein Tag ohne alarmierende Schlagzeilen der inländischen Blätter. "Angst vor leeren Regalen" titelt zum Beispiel Pagina 12. Die großen Städte sehen sich am Rand einer Hungersnot, die Läden sind fast ausverkauft. Die Straßen sind blockiert und Cristina Kirchner, die kürzlich erst gewählte Staatspräsidentin könnte sich von dieser Krise womöglich nie wieder erholen und dem Peronismus würde das Sterbeglöckchen läuten.

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Zu Grunde liegt, ganz nach Maßgabe von dem, was anderswo in der Welt passiert, der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise. Ich habe dem Tomatenkrieg, der in der Hauptstadt wütete, vor einiger Zeit schon ein paar Zeilen gewidmet. Aber seither hat alles was essbar ist, den Weg einer spektakulären, für die Ärmsten des Landes lebensbedrohlichen Teuerung genommen. Um dem Preisanstieg Einhalt zu gebieten, hat die Präsidentin eine Erhöhung der Ausfuhrzölle für Soja verfügt, für den Ausfuhrartikel, mit dem Argentinien weltweit eine führende Rolle spielt.

Gegenwärtig wird auf 54% der Getreideanbauflächen Argentiniens Soja angebaut. 200 000 Hektar, die vormals für Obst und Gemüse da waren, wurden zum Profit der Agro-Großindustrie gleichsam konfisziert. Und die ist es, die jetzt die Straßen blockiert, demonstriert und die Regierung unter Druck setzt. Es sind die neuen Milliardäre der Pampa, die Ausbeuter des neuen grünen Goldes, das sie in die ganze Welt exportieren, als Viehfutter für China und Europa. Man hat das, was da in Argentinien auf dem Land passiert. sogar schon als "Sojizacion" bezeichnet.

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Die wildesten Demonstranten sind also gegenwärtig die Neureichen der grünen Körner. Die Staatsmacht hat versucht, mit Gewalt zu reagieren, sie hat sogar die Anführer der Bewegung, die "campo" genannt und als sehr reaktionär angesehen wird, internieren lassen. Ohne Erfolg. Mehrere Minister sind bereits zurückgetreten. Angesichts dieser Lähmungserscheinungen, dieser Unfähigkeit zu handeln, haben die Armen die Macht in die Hand genommen und rufen zu Gegendemonstrationen auf. Keine Nahrungsmittel mehr in den Läden, aber auch kein Benzin mehr an den Tankstellen, Lastwagenfahrer mangels Transportgut arbeitslos, Bevölkerungsteile, die sich feindseelig gegenüberstehen - die Lage wird von Tag zu Tag komplizierter und könnte leicht zu einem allgemeinen Gewaltausbruch führen, nach Art der dramatischen chilenischen Ereignisse der 70er Jahre. Aus wär’s mit den Privilegien von Königin Cristina.


Das Geschäft mit (genmanipulierter) Soja ist zwar nur einer der zahlreichen Faktoren im politischen Hexencocktail von Bodenerosion und Entwaldung, von Biosprit- Milch-, Fleisch- und Fischwirtschaft, von Energie- und Wasserwirtschaft, von Methan-, Stickoxid- und Kohlendioxidausstoß, aber seit dem, 2001 infolge der BSE-Futtermittelkrise einsetzenden, "Sojaboom" und seit selbst China vom Sojaexport- zum -Importland wurde, kein unbedeutender mehr.

Der Fleischkonsum pro Kopf stieg in China über die letzten Jahrzehnte enorm. In Europa und in USA stieg er jedoch auch nicht unerheblich und ist dort im Vergleich zu China noch immer etwa doppelt so hoch.