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Le Glaneur (Der Ährenleser) ist ein schöner Name für eine Tageszeitung. Aber in diesem, mehr als 170 Jahre alten, jamaikanischen Blatt stehen hässliche Dinge. So hat der "public defender" von Kingston, der Generalstaatsanwalt, eine Art Garant für Gesetz, Moral und öffentliche Ordnung, einen wenig entwickelten Wortschatz, wenn es um Homosexualität geht. "Bleibt doch in eurem Versteck" hat er sinngemäß und in aller Öffentlichkeit der vor Schreck erstarrenden Schwulengemeinde (Frauen und Männer) zugerufen. "Zeigt nicht eure sexuellen Präferenzen vor Leuten, denen dabei schlecht wird" hat er befohlen. Mr. Earl Witter sagt, dass er nur Gutes im Sinn habe und nur seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Gewalttätigkeit Ausdruck verleihen wolle: "Solche Neigungen vor Leuten zu zeigen, die sie widerlich finden, kann nur zu Gewalttätigkeit führen und den öffentlichen Frieden stören". Das hatte gerade noch gefehlt. Der "öffentliche Verteidiger" denkt, dass sein Land für eine ostentative Schwulenkultur nicht bereit sei und dass die zurückliegenden, lauten Auftritte derselben, zum Beispiel beim Karneval, bei einem Teil der Bevölkerung nur gewaltätige Reaktionen hervorrufen könne. Vorallem wenn eine so hochgestellte Persönlichkeit sie dazu aufstachelt.

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Zweitausend Kilometer entfernt übers Meer geriet Mexiko gleichzeitig ins Kochen weil in der Hauptstadt die Schwangerschaftsunterbrechung legalisiert wurde. Die relativ dezentrale Verfassung des Landes lässt wie in den benachbarten Vereinigten Staaten lokal Gesetze zu, die manchmal mit dem nationalen Recht im Widerspruch stehen. Die Partei von Präsident Calderon, die Partei der Nationalen Aktion, katholisch und rechtsgerichtet, hat die Mehrheit im Land, aber nicht in Mexiko-City. Sie hat gegen die Liberalisierung gestimmt und man konnte sogar Frau Calderon lautstark gegen die Initiative protestieren hören und sehen.

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Tagelang war Mexiko, und nicht nur die Hauptstadt, Schauplatz von Umzügen für und gegen Abtreibung. Die Auseinandersetzung schlug Wellen in den USA, ein Riss geht durch die spanischsprechende Bevölkerung, auch im Norden, in Kanada und im Süden nach Brasilien hin, wo, wie in den meisten lateinamerikanischen Staaten, die Schwangerschaftsunterbrechung nur zulässig ist, wenn Lebensgefahr für eine Frau besteht.

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Auch die Presse der beiden amerikanischen Kontinente hat sich mit einer Vehemenz eingeschaltet, deren Echo bis zum Vatikan drang. Dort hat man ganz schön Öl ins Feuer gegossen, die päpstliche Autorität verglich die Abtreibung mit Terrorismus: "ein Terrorismus mit menschlichem Gesicht aber nicht weniger abscheulich" erklärte Monsignore Angelo Amato, der Sekretär der Glaubenskongregation.

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In Mexiko konnte man die jeweilige Zugehörigkeit der landesweiten und der regionalen Tageszeitungen zu einem der beiden Lager schon an den Fotos auf den Titelseiten erkennen, nach dem Motto Regen oder Sonne: "Sagt Ja zum Leben... der Frauen!" oder "Abtreibung: Nein!". An den Titeln liess sich auch eine soziale und regionale Spaltung ablesen: ein reicher und liberalerer Norden, ein armer Süden, katholischer und puritanischer.

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Die texanische Tageszeitung La Frontera (Die Grenze) war zweifellos die originellste mit dem Bild der Männergruppe mit den Schildern im Namen der Frauen: "Legale Abtreibung,um nicht zu sterben!" oder "Verteidigt das Leben und die Selbstbestimmung der Frauen!"

Die Volksvertreter von Mexiko-Stadt erstarrten zu Marmorsäulen angesichts dieser Kakophonie, die bis in ihr Halbrund drang: 46 der 66 Abgeordneten der gesetzgebenden Versammlung der Hauptstadt haben für den Text gestimmt, der die Schwangerschaftsunterbrechung straffrei werden lässt.