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Die Los Angeles Times berichtet über einen Streit, der sich im kalifornischen Berkeley abspielt und Amerika widerspiegelt, wie es seine eigene Geschichte darstellt: mit so mancher Auslassung, gelegentlich verächtlich, in einem schwierigen Kompromiss von Tradition, Wissenschaft und Modernität. Die Universität Berkeley, Symbol für Spitzenforschung, für Meinungsfreiheit, Vorreiter der Studentenbewegung von 1968, beherbergt in ihren Kellern eine der größten Sammlungen von Indianerskeletten aus ganz Nordamerika. Diese Überreste von mehr als 12 000 Menschen werden unter einem Schwimmbad aufbewahrt. In den Schränken und Schubladen der Räume liegen lauter Totenköpfe, oft woanders als das übrige Skelett. Soviele Köpfe, soviele Gründe für die "Native americans" - offiziell die politisch korrekte Sprechweise für die Nachkommen der Überlebenden der von den Kolonisatoren dezimierten Stämme - sich aufzuregen.

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Ein Bundesgesetz von 1990, der NAGPRA - Native American Graves Protection and Repatriation Act - , bestimmt, dass die vom Staat offiziell anerkannten Stämme ein Recht auf die Knochen ihrer Ahnen haben, um sie in Würde zu bestatten. Denn erst dann finden ihre Seelen die Totenruhe. Also wurden die Museen und Archeologie-Fachbereiche aufgefordert, die menschlichen Überreste in ihren Sammlungen zu ordnen und zu identifizieren. Berkeley weigert sich: erstens sei das zu schwierig und zweitens würden der Wissenschaft unschätzbare Quellen für die Evolution der Menschheit verloren gehen. Für die Indianer handelt es sich um nichts weniger als eine neuerliche Fortsetzung des Völkermords, der allein in Kalifornien, ab dem Beginn des Goldrauschs von 1849, innerhalb von kaum fünfzig Jahren ihre Zahl von 300000 auf 20 000 reduzierte. Von den hunderten von Stämmen haben die meisten keine Überlebenden mehr, denen Amerika seine vielgerühmte amerikanische Anerkennung zollen könnte.

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Schauplatz dieses neuerlichen, wenn auch friedliche Krieges ist das Museum Hearst, das die fraglichen Überreste aufbewahrt (Gründerin des Museums, das am Anfang des 19ten Jahrhunderts einen lebendigen Menschen ausstellte, war die Mutter des Pressemagnaten Hearst). Nach dortigen Demonstrationen der "Native Americans" und gescheiterten Vermittlungsversuchen findet der Machtkampf jetzt zwischen zwei Hochschullehrern statt, White und Fredericks, der eine ein Mann, die andere eine Frau, der eine Nachkomme der Kolonisatoren, die andere vom Stamm der Athabascan in Alaska. Wissenschaft, Respekt vor dem Gesetz und vor den indianischen Gebräuchen bestimmen den Rahmen. Beide arbeiten im Fachbereich Archeologie der Universität Berkeley: White ist eine Koriphäe. Seine Entdeckungen in Äthiopien haben die Evolutionsforschung bedeutend weitergebracht. Fredericks, Doktor in medizinischer Anthropologie, ist die Koordinatorin der mit der Übergabe der Skelette an die Stämme befassten Arbeitsgruppe der Universität. White behauptet: "Diese Sammlungen sind unersetzlich und wenn sie nicht in den Museen bleiben, sind sie für immer verloren." Fredericks antwortet: "Ich habe Verständnis für den wissenschaftlichen Standpunkt und achte ihn. Aber das hindert mich nicht, ehrlich zu sein und einzusehen, dass es ein Gesetz gibt, das zur Anwendung gebracht werden muss.

Bis jetzt haben allein die Tachi Yokut die Überreste von 1000 Ahnen erhalten, davon nur 80 aus dem Hearstmuseum. Einer ihrer Vertreter meinte: "wir brauchen die Wissenschaft nicht, wenn wir wissen wollen, ob unser Volk aus Asien kommt. Wenn die Wissenschaftler das wissen wollen, sollen sie uns fragen. Aus der Usrpungserzählung wissen wir, dass wir aus dem San-Joaqin-Tal kommen. Es spielt keine Rolle, ob das die wissenschaftliche Wahrheit ist, es ist unsere."


Duell in der Sonne: Titel eines Western (In the sun, u.a. mit Gregory Peck) 1946.

Phoebe Apperson Hearst (1842-1919) heiratete mit 19 Jahren als junge Grundschullehrerin den 20 Jahre älteren (Landwirtschafts-) Millionär und späteren Senator Hearst und war damit in der Lage, die Bildungsinstitutionen (Universität Berkeley 1861) und besonders die Frauenbildung in Kalifornien vielfach zu fördern. Ihr Interesse galt vorallem auch der (amerikanischen) Archeologie. 1901 konnte, von ihr finanziert, das Hearst-Völkerkundemuseum gegründet werden. Ihr Sohn, William Randolph Hearst (1863-1951), Publizist und Politiker baute ein bis heute mächtigstes Presseimperium auf. Seine Erfolgsgeschichte inspirierte Orson Wells zu "Citizen Kane".

Der NACPRA geht auf Initiativen vielerseits zurück. Die wohl bekannteste ist vielleicht diese: 1971 erfuhr Maria Pearson (1932-2003 ) , selbst eine Yankton Sioux Indianerin, von ihrem Mann, einem Eisenbahningenieur in Iowa, dass bei der Streckenführung über einen Friedhof, die Gräber von Weißen umgesetzt, die von Indianern jedoch einfach aufgelassen wurden. Sie intervenierte beim Gouverneur und vorallem dank ihrer Beharrlichkeit gab es 6 Jahre später in Iowa ein Gesetz, das Indianern und Weißen gleiche Behandlung nach dem Tod garantiert. Dies Gesetz war ein Vorläufer des NACPRA.

Thimothy White (1950- )ist Paleontologe. Nähere Angaben zu Larri Fredericks hier