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Diese Woche haben mich die Titelseiten auf meinem Schreibtisch zögern lassen. Sollte ich mir die ersten Schritte des zukünftigen Präsidenten aller Russinnen und Russen auf der internationalen Bühne zum Thema machen? Wie er im befreundeten Bulgarien Putin begleitet, um dort Gas zu verkaufen? Wie er sich der Zivilgesellschaft in der russischen Hauptstadt vorgestellt hat, vor lauter "Neuen Reichen". Wie eifrig die Iswestja darüber berichtet? Nichts als Tricks, um bei den bevorstehenden Wahlen jede Kandidatur eines Oppositionellen auszuschließen, wie zum Beispiel die eines früheren Premierministers des gegenwärtigen Präsidenten, der sich zu seinem Kritiker gewandelt hat und dem einzig die Njesawissima Gaseta, "Das unabhängige Blatt". das zu Recht seinen Namen trägt, seine Titelseite widmet.

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Oder sollte ich mich auf einem anderen Kontinent mit dem Porträt eines achtzigjährigen Universitätslehrers und Aktienspekulanten abgeben, das Le Devoir in Quebec ausmalt? Ein alter Mann, der in den ihm verbliebenen (oder dazugewonnenen) Stunden angesichts der Baisse oder der verrückt gewordenen Börsianer von Ängsten geschüttelt wird? Oder sollte ich nicht doch auf diese neue Art von Demonstration in Südkorea hinweisen: nackte Männer vor einer Kirche in Seoul, Gründer einer neuen "liberalen" Partei, die gegen illegale Arbeit und die Armut der heimlichen Arbeiter in ihrem schönen Land protestieren?

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Nein, keins von diesen Themen konnte mit einem Ereignis konkurrieren, das von Le Temps in Genf, von einer der besten französischsprachigen Tageszeitungen, gefeiert wird: 100 Jahre Toblerone! Der gezackte Schokoriegel Toblerone ist für die Schweiz, was Coca Cola für die Vereinigten Staaten, die Frankfurter Würstchen für Deutschland und der Cambert für Frankreich bedeuten: eine für die Identität grundlegende Institution. Ein Thema, mit dem nicht zu scherzen ist in Zeiten, in denen beinahe überall eine übersteigerte Suche nach feinen Unterschieden gepredigt und betrieben wird. Zwei Anekdoten verweisen auf die Bedeutung jener Erfindung: Die "Toblerone-Affaire" mit der eine schwedische Abgeordnete wegen Missbrauchs einer staatlichen Kreditkarte zum Rücktritt gezwungen wurde. Sie hatte zu ihrer Verteidigung behauptet, sie habe "schlimmstenfalls zwei Toblerone" gekauft; Zweitens sind da die Panzersperren, die die Schweiz in den dreißiger Jahren errichtet hat. Wegen ihrer pyramidalen Formen wurden sie "Toblerone" getauft (ausserdem gibt es am Genfer See noch immer einen Wanderweg mit diesem Namen...)

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Benjamin Luis, der Journalist von Le Temps, der das Glück hatte, über das köstliche Jubiläum schreiben zu dürfen, räumt mit einer der zähesten Legenden zum Schokoriegel auf: die Dreiecksform habe nichts mit dem Matterhorn zu tun und auch mit keinem anderen Berggipfel. Auch nichts mit der Zugehörigkeit des genialen Erfinders Theodor Tobler zu den Freimaurern. Die Inspiration kaum ihm bei einer seiner, einem Lebemann gut anstehenden Gepflogenheiten, bei einer Reise nach Paris: die Schlusspyramide der Tänzerinnen im Folies Bergères berührte ihn wie eine Offenbarung. Das Matterhorn wurde erst nach Erfindung der Reklame und des Marketing auf die Verpackung gedruckt... Wir erfahren aus dem Bericht auch noch, dass es dem Unternehmen gelungen ist, alle Klippen der Modernisierung und der Globalisierung zu umschiffen: das frühere Familienunternehmen ist heute die Blume am Revers eines vorsintflutlichen amerikanischen Riesen der Nahrungmittelindustrie (immerhin ein kleiner Sündenfall, was die Identität angeht...): 96 % der Produktion werden exportiert und im vergangenen Jahr ging der Verkauf noch einmal um 30% in die Höhe. 7 Milliarden Dreiecksriegel gingen in 38 Sprachen über den Ladentisch bestätigt Le Matin, die andere Tageszeitung, nämlich die aus Lausanne.

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Eine letzte Zahlenangabe ist geeignet, uns schweizerische Gelassenheit verständlich zu machen: im Mittel verschlingt jeder/jede Bürger/in 12 Kilo Schokolade im Jahr...