JPEG - 36 kB

Die Tageszeitung Njesawissimaja Gaseta (wörtlich: unabhängige Zeitung) scheint sich in diesem Sommer querfeldein zu bewegen. Nach den Schülern Stalins hat sie sich jetzt Joakim Krim vorgenommen, den seine Nachbarn, wie in Russland üblich, "Vassili Ivanovitch" nennen, der aus Guinea Bissao stammt und jetzt für die Kommunalwahlen in Wolgograd kandidiert (Wahlen im Oktober 2009), in eben der Stadt die früher den geläufigeren, gleichermaßen mythischen wie abschreckenden Namen Stalingrad trug. Der junge Mann, der einst in den fernen Südwesten Russlands zog, um hier ein Diplom in Pädagogik zu erwerben, regiert heute über einen florierenden Handel mit Wassermelonen. Eine Art russisches Gegenstück zum amerikanischen Traum. Und in seiner Umgebung, in der er zu einem Medienstar geworden ist, hört der Vergleich mit dem ewigen Freund-Feind Amerika damit nicht auf: Joakim Krim, genannt Wassili Ivanovitch ist zum Symbol für die "Afrorussen" geworden und zum zukünftigen Obama des Landes.

JPEG - 34.4 kB

Die Vergangenheit der Afrorussen reicht weit zurück: der teure Alexander Puschkin stammte von einem Sklaven ab, den man im Norden Kameruns gefangen genommen hatte und der den süßen Namen Abraham Hannibal trug. Dieser Urgroßvater avancierte zum Favoriten Peters des Großen. Als der Zar starb, fiel er in Ungnade, wurde ohne Aussicht auf eine Rückkehr nach Sibirien verbannt, floh und heiratete am Ende eine schwedische Adelige... Der Historiker Dieudonné Gnammankou (Benin) hat die Geschichte sehr schön in einer Biografie wiedergegeben: L’aïeul noir de Pouchkine (Der schwarze Vorfahre von Puschkin), erschienen im Verlag Présence Africaine. Ich frage mich, ob der Forscher nicht an der Moskauer Patrice Lumumba Universität studiert hat, die eigentlich Russlands Universität der Völkerfreundschaft hieß und im Februar 1960 gegründet wurde, als die Entkolonisierung in vollem Gang war. Zum Teil kommen die Afrorussen daher: die Institution wollte die Jugend der ehemals Kolonisierten einladen und damit dem fortdauernden Einfluss der alten europäischen Kolonialmächte entgegenwirken. Wenn diese Studenten wieder nach Hause kamen, wirkten sie oft zum Besten ihrer Länder aber manchmal auch standen sie hinter der schlimmsten ideologischen Ausrichtung.

JPEG - 57.4 kB

Manche hatten Nachkommen in Russland: sie verliebten sich, heirateten und bald tollten niedliche Kinder ungewohnter Hautfarbe in der Steppe. Heute versucht die Universität ihren alten Glanz und ihr früheres Ansehen zurückzugewinnen. Doch die kleinen Afrorussen haben es nicht leicht, sind oft Zielscheibe für den Rassismus einer Bevölkerung, die seit eh und je die "Ausländer" stigmatisiert, als "Schwarzgesichter" - Juden, Kaukasier, oder Neger - "Negr" ist immer noch die Bezeichnung für Schwarzafrikaner.

JPEG - 51.2 kB

Joakim Krim, genannt Wassili Ivanovich, lächelt zwar von einem Ohr zum anderen, muss aber in seiner neuen Berühmtheit der Gegenkampagne standhalten. Die Partei Wladimir Putins (dem er voll und ganz anhängt) hat ihn im Wahlkreis Sriednich Achtubach auf ihre Liste gesetzt, und dort ist er Zielscheibe der Kommunisten. Die "schwarze Gefahr" bringt die Vertreter der alten Ordnung und die Protestwähler in Unruhe. "Dieser Schwarze wird die Sympathien der Armen auf sich ziehen, die werden versucht sein, ihn zu wählen, schon um die gegenwärtigen Machthaber zu provozieren" stellt ein Vertreter der Lokalpartei nüchtern fest. Und Wladimir Kritski, ein selbsternannter Forscher in Sachen Anthroplogie der Afrorussen bestätigt das.

Trotzdem: Bei einem "Chat" der Wolgograder Sektion von Einiges Russland mit ihren jungen Wahlkämpfern Anfang August stach Joakim sämtliche Lokalmatadoren aus. Die jungen Surfer wollten nur mit ihm chatten und das Internet läuft jetzt heiß. Die Popularität des Kandidaten erstreckt sich bis an die Grenzen des Riesenlandes und darüber hinaus. Via Internet gewinnt er die Welt im Triumph: noch ein Punkt, der ihn mit Barack verbindet...