Zwei französischsprachige Tageszeitungen, die eine diesseits, die andere jenseits des Atlantik, haben sich in der vergangenen Woche je eine Plage dieser modernen Zeiten vorgenommen. Auf der Titelseite von Le devoir québécois ein Rücken, wie gemeißelt, sonnenbraun und naß, als ob soeben dem Meer entstiegen. Kommentar: "U-Bahn, Arbeit, Rückenschmerzen - Schluß mit der Alltagsroutine, mehr als 80% der Bevölkerung leidet früher oder später unter Rückenschmerzen!"

Der hartnäckige Kummer hat sich zum Leiden des neuen Jahrhunderts entwickelt, befällt Junge und Alte, Berühmtheiten und gewöhnliche Leute. Zum Beispiel führt die Zeitung Alan Greenspan an, den ehemaligen Verwalter der amerikanischen Geldreserven: der beginnt den Tag mit einem heißen Bad gegen seine Rückenschmerzen..., oder André Agassi, der seinen Schläger abgibt: nicht einfach ein Rücken, sondern: "Skoliose, Arthrose, Sesshaftigkeit, Rauchen, Stress, Depression usw". Einzig wirksames Gegenmittel: - Spazierengehen!

Der Reichtum der französischen Sprache an Ausdrücken die den "Rücken" anrufen, ist überzeugend: "einen breiten Rücken haben, mit dem Rücken zur Wand stehen, hinter jemandes Rücken etwas tun, eine Sache auf dem Rücken von jemandem austragen", nur um die wichtigsten zu nennen. Als Journalistin, die sich Stunde für Stunde mit den Nachrichten aus aller Welt herumschlägt, erwehre ich mich der wildgewordenen internationalen Neuigkeitenproduktion dauerhaft mit einem: "nicht auf meinem Rücken".

Diesseits des Atlantik, auf dem Alten Kontinent, beklagt Libre Belgique unsere "Ohnmacht gegen Spam". Zur Aufmachung eine Spamzeichnung mit einem kleinen Mann, der in der Reklame ertrinkt, die jetzt 70% unserer Email-Eingänge ausmacht. Die belgische Zeitung erklärt, dass das englische Wort "eine Art Pastete" bedeute und aus einem Sketch stamme, in dem die Monty Pythons unaufhörlich "spam, spam, spam, spam" sangen, um alle anderen am reden zu hindern.

Die meisten spams versprechen Ihnen bessere sexuelle Leistung, mehr Geld oder den Schmuck einer neuen Uhr. Überraschend nur, dass offenbar 0,05% der Surfer die Angebote aufgreifen und dass die Spammer bis zu 5000 $ im Monat verdienen können. Im Unterschied zu den Pathologien des Rückens gibt es gegenwärtig (beinahe) kein Mittel gegen diese Krankheit und jeder Versuch, sie einzudämmen, macht sie gleich noch schlimmer. Und die Profite auf dem Rücken der Leichtgläubigen und Alles-Mitmacher hören bestimmt so schnell nicht auf. Wir warten schon auf den nächsten Woody-Allen-Film: "SPAM - Alles was Sie schon immer wissen wollten und nicht zu fragen wagten". Das Katastrophenscenario eines Super-Zentral-Komputers, der von Viagra-Reklame überflutet wird.


Die Aufzählung der französischen Wendungen, Tropen, "geflügelten Worte" enthält noch: "casser du sucre sur le dos de quelqu’un" (wörtlich: "Zucker auf jemandes Rücken brechen") d.i. jemanden in seiner Abwesenheit kritisieren. "Zuckern" (sucrer) steht im französischen Volksmund für mißhandeln und der Rücken muß nicht nur in Frankreich gern für die ganze Person herhalten. Im Deutschen hat man bekanntlich "Rückgrat" oder auch nicht, eine Wendung, die dem Übersetzer im französischen Kopfzerbrechen macht, im Unterschied zur "Wirbelsäule", die jeder hat, und die jeder Automat mit "colonne vertebrale" passend wiedergeben kann.