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Argentinier scherzen gerne. Während die ganze Welt sich mit großem Pomp auf den zwanzigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls vorbereitet, bauen die Bewohner von San Isidoro, einem schicken Vorort von Buenos Aires, an einer neuen Mauer. Gewiss, die auf Betreiben des Bürgermeisters hochgezogene Betonkonstruktion ist weniger solid und weniger mörderisch als zum Beispiel die zwischen Palestinensern und Israelis oder zwischen den Süd- und den Nordkoreanern. Doch wegen ihrer symbolischen Bedeutung flossen mindestens so reichlich die Spucke- und Tintenströme. Presse und Politik verurteilten unisono das Vorhaben aus einer anderen Zeit.

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In der letzten Woche sahen die Bewohner der Uruguay-Straße, die sowohl virtuell wie realiter die Grenze zwischen den Städten San Isidoro und San Fernando darstellt, wie von Herrn Gustavo Posse, dem gewählten ersten Vertreter der San Isodorianer, bestellte Maurer in der Mitte der Chaussée fünf wenig schöne Pfeiler hochzogen, Vorboten einer unwahrscheinlichen Demarkationslinie: zu meiner Linken eine solide und anheimelnde Stadtgestaltung; zu meiner Rechten die Zone, bewohnt von Armen, die, so scheint es, nur einen Wunsch haben: in das Viertel der Reichen zu strömen... Der Beton ist kaum abgebunden, da hört man Rufe und Grafittikünstler machen sich ans Werk: die paar Quadratzentimeter werden mit Rachekunst bedeckt und skandalisierende Stimmen dringen bis in die höchsten Sphären. Cristina Kircher selbst veröffentlicht ein Kommuniqué: "Diese Mauer bedeutet eine Regression. Ich bin bestürzt, das ist ein Manöver um uns zu trennen, wo wir doch zusammenkommen sollten." Der Bürgermeister versteckt sich hinter der Würde seines Amtes: "Wir tun das, um den Diebstahl und den Strom von Delinquenten einzudämmen. Soll doch der Staat seinen Sicherheitsaufgaben besser nachkommen!" Und schickt die Polizei zum Schutz seines Bauwerks...

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Im Schatten der Betonplatten wollen die Reporter die Vox Populi hören und werden nicht enttäuscht: "Posse ist ein Kommunist" erklärt eine 80-jährige Bürgerin den erstaunten Journalisten und fügt hinzu: "aber ja, das ist hier wie bei den Russen..." Ein anderer betrachtet die beiden Straßenseiten und denkt über die schicke Seite nach: "Also wirklich, sie haben das gleiche Pflaster, die gleiche Beleuchtung und bei ihnen fällt das Gas aus, wie bei uns..." Eine dritte Stimme wendet sich an die Behörden: "brauche ich jetzt einen Pass, um meinen Enkel besuchen zu können?" Und die Kinder spielen wieder "unter dem Pflaster liegt der Strand!" und sammeln die kleinsten der Steine ein.

Nachtschlaf bringt Rat. Am anderen Morgen wird die Mauer der Scham nicht weiter gebaut, aber das ganze Land ist dennoch geschockt. Sicher wissen die Argentinier nicht, dass es in Europa, in Russland, in den Vereinigten Staaten und ohne Zweifel auch anderswo zahllose Wohnfestungen gibt. Und dass Mauern nicht gern fallen, weil sie meistens die Geschichte wiedergeben...