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Anfang letzter Woche erschien plötzlich das goldige Gesicht von Pumpkin auf den Titelseiten der ganzen ozeanischen Presse, in allen Medien, nur um am Vorabend des Wochenendes wieder zu verschwinden: große schwarze Augen, erstaunt und traurig, pechschwarze Haare, ein vollkommenes Oval, das orientalische Double der blonden britischen Maddie. Zwei Lichtstrahlen von einem Kontinent zum anderen aus exakt entgegengesetzten Gründen: Maddie ging verloren, Pumpkin wurde gefunden. Maddie ist die Verkleinerungsform von Madeleine, Pumpkin (Kürbis) ist der Rufname, den die "Entdecker" ihr gaben. Die beiden Geschichten - der geographischen Antipoden (auch wenn zur Jahrhundertwende eine Art virtuelle Begegnung stattfinden konnte) sind aus demselben faszinierenden und gefühlvollen Stoff gemacht: die Unschuld in den besseren und gebildeten Familien westlicher Länder, ein Hauch des Todes.

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Pumpkin heißt in Wirklichkeit Qian Xun Xue. Sie ist drei Jahre alt, Neuseeländerin, ihre Eltern chinesischer Herkunft sind vorbildlich integriert, der Vater ist Herausgeber von Zeitungen für die chinesische Gemeinde, aber auch von Büchern, darunter von ihm selbst verfassten. Die Mutter verließ ihr heimatliches Hunan, um sich vor fünf Jahren im ozeanischen Eldorado niederzulassen, mit der Absicht, dort ihr Studium fortzusetzen. Am Sonntag den 16. September wurde Pumpkin auf dem Bahnhof von Melbourne (Australien) entdeckt. Reisende fanden sie, in Tränen aufgelöst, unter einer Rolltreppe. Den recherchierenden Polizisten und Journalisten gelang es dank der Überwachungskameras und der Suche nach Zeugen über die Presse rasch, den Weg von Pumpkin und die Geschichte einer zerbrochenen Familie zu rekonstruieren: das kleine Mädchen war allein mit ihrem Vater aus Auckland gekommen und wurde von Mr. Xue, der wenig später nach Los Angeles weiterreiste, einfach zurückgelassen. An An, ihre Mutter, war vorher schon verschwunden. Zwei Tage später fand man ihre Leiche im Auto der Familie. Der Vater steht unter Mordverdacht, nach ihm wird international gefahndet; die Großeltern mütterlicherseits in China wurden benachrichtigt; eine Halbschwester tritt in Erscheinung und berichtet, dass der gleiche Vater auch sie im fremden Neuseeland, wo sie gerade angekommen waren, verlassen hat, allerdings im Alter von 17 Jahren und schon vor 10 Jahren.

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Im Lauf der Woche wird das Bild des Vaters von einer australischen zu einer neuseeländischen oder gar kanadischen Tageszeitung zur anderen immer klarer, während das der Mutter undeutlich bleibt. Der Vater stellt sich als ehemaliger Kung Fu Champion dar, war als solcher an einem chinesischen Dokumentarfilm zu den Beziehungen zwischen privatem und öffentlichem Dasein eines Meistersportlers beteiligt. Auf dem Weg ins Exil mit seiner ersten Tochter im Gefolge hatte er in Los Angeles eine Meisterfriseuse verführt und dann seinen Weg fortgesetzt. Diese Friseuse zieht mittlerweile alle Aufmerksamkeit auf sich. Das Blog von An An (früher hätte man ein Tagebuch gefunden) erzählt die melancholische Geschichte einer jungen Einwandererin voller Hoffnungen, die einen reichen und wohl integrierten Mann heiratet um voran zu kommen. Im Verlauf der Einträge wird die Enttäuschung immer größer, hinzu kommt die Angst vor einem gewalttätigen und egozentrisch-eifersüchtigen Mann. Das schöne Haus in Mont Roskill, die bürgerlichen Bequemlichkeiten, der Ruf einer angesehenen Familie und vor Allem auch der Charme von Qian Xue/Pumpkin bedeuten schließlich nichts mehr angesichts des wachsenden Unwohlseins. Auch die feinste Presse bringt eine Sensationsmeldung nach der anderen - später wird Pumpkin die böse Geschichte lesen, die Entgleisung einer fast vollkommenen Welt, so wie bei Maddie?

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In beiden Geschichten haben die Blogs eine zentrale Rolle, die der Eltern, die der Freunde, die der "Zeugen". Letztere haben den Charakter von Tagebuchaufzeichnungen, die man in der Hoffnung, dass sie gelesen werden, herumliegen lässt oder gleich im Hinblick auf eine Veröffentlichung schreibt. Aber bekanntlich ist Blog nicht gleich Blog. So hatten die Verfasser des berühmten Bondy-Blogs während der Vorstadtrevolten im Herbst 2005 in Frankreich ganz andere Absichten. Das waren schweizer Journalisten von L’Hebdo, die aus Bondy von den Ereignissen berichten wollten und das Blog gab den Jugendlichen und den Vereinen eine Stimme. Jetzt sind die Initiatoren einen Schritt weiter gegangen und haben eine erste "Blog-Schule" aufgemacht. Eine richtige Schule, mit einem richtigen Klassenraum, in einer richtigen Straße, wo jeden zweiten Samstag wirkliche Lehrer hinkommen und Mitbürgerjournalisten ausbilden für eine zukünftige neue Welt, eine fast vollkommene...