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Die/der Reisende, die/der dieser Tage in der deutschen Hauptstadt ankommt, trifft auf düstere Mienen. Wenn sie/er obendrein noch in den deutschen Tageszeitungen blättert, hat sie/er wahrscheinlich nur noch den Wunsch, sofort wieder abzureisen: auf der ganzen Linie nichts als Chaos, Unglück, Crash, Dritte Welt, Krieg, Krise, Infarkt, Zusammenbruch, nie dagewesene Situation, Albtraum... Bei näherem Hinsehen tut sich tatsächlich ein Abgrund auf: die S-Bahn fährt nicht mehr oder, genauer gesagt, die S-Bahn fährt streckenweise nicht mehr! Die S-Bahn ist für Berlin, was die "petite Madeleine" für Proust war: sie bedeutet die Stadt, sie gibt ihr die Struktur, sie ist ihre Definition, sie ist ihre ständige Begleiterin.

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Die S-Bahn ist das Schienennetz der Eisenbahn in der deutschen Hauptstadt, manchmal unterirdisch, meistens jedoch in freier Luft und nicht nur gelegentlich auf einer Art riesigem Gürtel zwanzig Meter über dem Boden. Gleichzeitig ist sie dieser rot-gelbe Zug, niedlich wie ein Spielzeug, ausgestattet mit erfinderisch kolorierten Sitzbänken: das Design erinnert an Grafitti, eine jenseits des Rheins besonders populäre Kunst. Man glaubt offenbar den Künstler-Vandalen auf diese Weise begegnen zu können.

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In der Stadt, in der die Geschichte oder eine Geschichte auf Schritt und Tritt präsent ist, spielt die S-Bahn eine überragende Rolle: 1924 in Betrieb genommen, ist sie der Reihe nach das Symbol für Hitlers Triumph, für den kalten Krieg, für den Mauerfall. Reisende aus Ost und West trafen sich realiter und virtuell am Bahnhof Friedrichstraße, der Grenzstation: Endstation für die aus dem Osten, ohne Halt, mit Höchstgeschwindigkeit durchfahren von den Westlern.

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Zum Teil ist die jetzige, weitreichende Einstellung des Betriebs auf schlechte Wartung des Materials zurückzuführen. Insbesondere die Radreifen geben Anlass zur Sorge: am ersten Mai entgleiste ein Zug und trotz Anordnung der Überwachungsbehörde wurden Kontrollen und Materialersatz vernachlässigt. Von daher die Einstellung des Betriebs zu drei Vierteln und für unbestimmte Zeit, von daher der Kummer der Berliner. "Gegen Ende des Krieges, 1945, bedurfte es Tonnen von Bomben um die S-Bahn still zu legen. In Friedenszeiten reichen menschliche Nachlässigkeit und Unfähigkeit..." schreibt einer der bekanntesten Editorialisten des Landes, während der Direktor des Technikmuseums, Alfred Gottwaldt, ein Ereignis ohne Präzedenzfall beklagt. Time Magazine fragt gar: ist das unerschütterliche Vertrauen in deutsche Gründlichkeit etwa dem Untergang geweiht?

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Ich muss gestehen, dass die beunruhigte Reisende, die ich angesichts der verkündeten Einschränkungen war, sich nicht hat abschrecken lassen, sie hat die "nichtfahrende S-Bahn" in einer Woche gut zehn Mal benutzt. Die deutsche Gründlichkeit scheint doch noch Zukunft zu haben. Und Berlin auch.