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Diese Woche lade ich Sie zu einem Spaziergang am Waldrand ein, an der Grenze von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Erscheinung und Verborgenem. Wir beginnen in der Schweiz, wo eine Gerichtsentscheidung in den Tageszeitungen des Landes Schlagzeilen machte: Das Bundesgericht, die höchste Rechtsprechungsinstanz der Eidgenossenschaft entschied, dass das Tragen des Schleiers kein Grund sein kann, jemandem die Einbürgerung zu verweigern. Zwei Gemeinderäte im Kanton Argau, in den Dörfern Birr und Buchs ganz im Norden, im deutschsprachigen Teil des Landes, hatten den Einbürgerungsantrag von zwei Einwohnerinnen abgelehnt, weil die Schleier tragenden Damen ihnen nicht hinreichend integriert schienen. Es gingen zwei Berufungsanträge ein: der erste von der Einwohnerin von Buchs, einer Familienmutter, die vor dreißig Jahren in die Schweiz gekommen war, der andere vom Ehemann der Einwohnerin von Birr. In seiner Entscheidung zu beiden Fällen konstatiert das Bundesgericht, dass "das einfache Tragen des Schleiers keine Missachtung unserer Verfassung bedeutet. Es bringt nicht per se eine Entwürdigung der Frauen zum Ausdruck (...)".

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Interessant ist aber auch was dann folgt, und wie im Endeffekt beide Fälle unterschiedlich behandelt wurden: die Frau, die selbst Berufung eingelegt hatte, wurde für hinreichend integriert befunden. Sie kann eingebürgert werden. Der anderen, die den Antrag über ihren Mann gestellt hatte, wurde die Befähigung zur Einbürgerung nach den geltenden sprachlichen und bürgerrechtlichen Kriterien nicht zuerkannt... Denis Masmejean, der Leitartikler der Temps, lobt das Urteil, fragt sich aber auch, welche Wirkung es auf die Volksbefragungsinitiative der UDC (extreme Rechte)haben wird, die in drei Monaten zur Abstimmung ansteht und vorsieht, dass man in der Einbürgerungsfrage zum örtlichen Referendum zurückkehrt, bei dem die Bevölkerung selbst auswählt, wem sie das Glück zubilligt, Schweizer zu werden...

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In Israel hat sich die Zeitung Haaretz mit einer zunächst höchst überflüssig erscheinenden Praxis beschäftigt, in der jedoch eine Art Umgehung von religiösen Tabus zu Tage tritt, wenn nicht gar ein Widerstand gegen solche Tabus. Frauen der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinden schminken sich und besuchen sogar Schönheitssalons, die das Naturschöne aufbessern. Diese Salons verdanken ihre Enstehung einzig der Mundpropaganda und das obwohl "die Sinnesreize täuschen und alle Schönheit eitel" ist, und das Schminken gelegentlich mit dem Tätowieren in einen Topf geworfen wird. Man musste sich den Diskretionsansprüchen der neuen Klientel anpassen: zwei Eingänge, Einzelkabinen, aber auch Tarife, die einer, mangels eigener Einkünfte oft mittellosen Bevölkerung entsprechen. Manche begnügen sich mit Ratschlägen für zu Hause. Die Angelegenheit war Gegenstand einer Hochschularbeit: die Wissenschaftlerin Sina Salzburg kommt zu dem Schluss, dass das Aussehen für die ultra-orthodoxen Frauen sehr wichtig ist, auch in den radikalen, hassidischen, religiösen Sekten. Und das umso mehr, als die junge Frau in ihrer ersten flüchtigen Begegnung mit dem Mann, den ihr die Familie ausgewählt hat, nicht anderes zu bieten hat. Aber auch, weil die Körperpflege ein letztes inneres Refugium darstellt...

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Die Los Angeles Times sieht in den öffentlichen und privaten Lebensbedingungen für Frauen den Eckstein im Aufbau einer Nation, in ihrem Aufstieg in die internationale Gemeinschaft und zum Rechtsstaat. Die Journalistin Tracy Wilkinson ging mit folgender Frage zurück nach Pristina, der Hauptstadt des eben unabhängig gewordenen Kossowo : "Wird die Unabhängigkeit im embrionären Stadium und noch nicht universell anerkannt, die Lebensbedingungen der Frauen ändern und dem Menschenhandel, dessen Opfer sie sind, ein Ende bereiten? Oder wird im Gegenteil das organisierte Verbrechen, das mit Kreisen der Separatisten Geschäfte machte, seine Praktiken mit noch mehr Ellenbogenfreiheit fortsetzen?" Das Kossowo, gleich neben Albanien, war zur Drehscheibe der Maffia der Prostitution aus den osteuropäischen Ländern
geworden. In den albanischsprachigen Gemeinden herrschende gesellschaftliche Verhaltensweisen liessen es zu einer der Gegenden Europas werden, die besonders von Gewalt gegen Frauen in Ehe und Familie betroffen sind. Physische Gewalt, aber auch materielle, denn den Mädchen werden systematisch Einkommen und Erbschaften entzogen. Der Besuchs ging von einem Frauenhaus zum anderen, von einem Gericht zum anderen . Am Ende scheinen die Zukunftsaussichten gemischt: zwar reagiert die Polizei zunehmend häufiger, wenn sie von Frauen gerufen wird, aber die Männer werden fast nie gerichtlich belangt und die Prostitution scheint nach wie vor einer rosigen Zukunft entgegen zu gehen.

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Unser Spaziergang endet im Departement Saône et Loire, das in gewisser Weise etwas beschädigt und eingeklemmt im Zentrum Frankreichs liegt. Die Lokalzeitung La Montagne bringt auf der Titelseite eine winzige und doch bestürzende kleine Meldung: eine dreizehnjährige Jugendliche, kaum der Kindheit entwachsen, Waise und seit dem Tod ihrer Mutter untröstlich, hat dieser Mutter zum Jahrestag ihres Todes einen Brief geschrieben. Auf dem Umschlag standen Name und Vorname und die Adresse "rue du Paradis, au Ciel (Paradiesstraße im Himmel)". Zwei Tage später kam der Brief zurück mit dem Vermerk "wohnt nicht an der angegebenen Adresse", außerdem verlangte der Briefträger eine Gebühr, weil die Sendung keine Briefmarke aufwies. Die Patenschaftsfamilie des Mädchens war ergriffen von seiner Verzweiflung, die Post dagegen schrieb nur, dass ein unfrankierter Brief an einen unauffindbaren Empfänger immer gebührenpflichtig an den Absender zurückginge.

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Mit allen Vorbehalten hinsichtlich der Vergleichbarkeit, war ich an einen Dokumentarfilm über die Widerstandskämpfer der MOI in Toulouse im zweiten Weltkrieg erinnert (Ni travail, ni familie, nie patrie, journal d’une brigade FTP-MOI (Weder Arbeit noch Familie, noch Vaterland, Tagebuch einer FTP-MOI-Brigade)von Mosco Boucault). Einer der Überlebenden, polnischer Herkunft, der zur Zeit der Dreharbeiten des Films in großer Armut lebte, erzählte: man habe ihn verhaftet, deportiert und er hatte aus dem Todeszug nach Auschwitz fliehen können. Nach dem Krieg war er bei den französischen Behörden um eine Rente als Deportierter eingekommen. Sein Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung: "der Antragsteller hat seinen Bestimmungsort nicht erreicht".