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Die Szene lässt einen sofort an die tragischen "Fahrradiebe", den wundervollen Film von Vittorio De Sica, denken, der 1949 in Cannes preisgekrönt wurde. Man sieht den unglücklichen Helden, wie er sein Fahrrad, sein proletarisches Arbeitswerkzeug, in einem Wald von zum Wiederverkauf bestimmten Fahrrädern sucht. Er ist verloren, läuft von Einem zum Anderen, glaubt seins zu erkennen, aber das war ein Trugbild, er nimmt frenetisch seinen Lauf wieder auf. In Kanada, in Toronto hat sich letzte Woche eine moderne Version der Schlüsselszene des Kultfilms abgespielt. Begierige Eigentümer (nahezu 15000 Personen) suchten stundenlang in einem Meer von 2865 Rädern ihr eigenes Zweirad und nur 469 fanden es. Die Polizei hat darauf hin entschieden, die Be-Sucher drei Wochen lang zuzulassen und hat über die Presse einen Apell an sie gerichtet.

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Die Affaire schlug hohe Wellen in dieser Metropole des englischsprachigen Kanada. In Toronto, der größten kanadischen Stadt, ist der/die Fahrradfahrer/in König/in! Selbst wenn, nach Aussage bestimmter Praktiker (unter ihnen ein Journalist der National Post) die Gefahren für Radfahrer an jeder Straßenecke lauern. Zusammenstöße, überhöhte Geschwindigkeit, Plattfüße oder zerrissene Kleidungsstücke. Diebstahl jedoch wurde nicht als Risiko angesehen. Um so mehr war die Bevölkerung vor den Kopf geschlagen, als Igor Kenk am 15 Juli verhaftet wurde: man hatte bei ihm, außer einer ziemlichen Menge Drogen, 2865 Fahrräder gefunden. Alle Modelle, Herren- Damen- und Kinderfahrräder, selbst ein Dreirad für Babys. Seither hat sich das ganze sommerliche Ontario in Spekulationen über die Beweggründe der Taten ergangen, einschließlich der sehr seriösen Blätter wie Globe and Mail oder National Post. Man muss zugeben, dass der Dieb wie eine Romanfigur anmutet: er kommt ursprünglich aus Slowenien, sieht aus wie Jesus, mit langem Haar und Bart und gibt je nach dem vor, Agent der Polizei oder Offizier des KGB gewesen und von daher als bedroht anzusehen sei. In Wirklichkeit hat er seit seiner Ankunft in Kanada vor etwa zehn Jahren alle möglichen Berufe bis hin zu einer Art Sozialarbeiter ausgeübt.

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Zur Rechtfertigung seiner Besessenheit, Fahrräder anzusammeln hat er mehrere Erklärungen abgegeben: es sei Teil der Therapie für seine "Schützlinge" gewesen, ihnen aufzutragen, sich ein Fahrrad zu "nehmen" um ihnen zu zeigen, dass sie in der Lage seien, "etwas zu tun". Er sieht sich als Kreuzzügler gegen Fahrraddiebstahl und behauptet die Plage auf seine Weise zu bekämpfen; er wollte einen gemeinnützigen Vorrat anlegen als Präventiv gegen die große Ölkrise! Die Untersuchungsbehörden vermuten sehr viel prosaischer, dass der Händler für Alles und Jedes seine Ware wegen des Metalls und nicht für den direkten Gebrauch verkaufen wollte, in diesen Zeiten, in denen Metalle sehr teuer sind. Im letzten Jahr war der Mann schon einmal in ähnlicher Angelegenheit mangels Beweisen frei gekommen, weil er meist nicht selbst handelte. Das ließ Constable Robert Tajti mit allem Ernst, den der Rechtstaat seinen Dienern auferlegt, sagen, falls er wieder frei käme, würden ihm alle Fahrräder zurückgegeben.