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Der 8te März verpflichtet. Die Zeitungen veranstalteten ein Feuerwerk von Titelseiten, die den Frauen in ihren Staaten, Ständen und Zuständen gewidmet waren. Gewiss die spektakulärste Seite präsentierte The Economist mit "Gendercide": zwei rote Söckchen auf schwarzem Grund, Symbol für die 100 Millionen Mädchenbabys, die in Ländern mit Einkindpolitik ins schwarze Loch der Geschlechterpräferenz fallen. Allerdings lässt die britische Wochenzeitung die Herkunft der Zahl einigermaßen im Ungewissen: Wo, wann, wie? Einzig die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Amartya Sen wird zitiert, die diese Zahl 1990 in die Welt gesetzt hat, wobei man nicht erfährt ob sie für ein Jahr oder zehn oder gar hundert Jahre gelten soll.

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Weit ab von solch erschreckender Wirklichkeit befasste sich Le Devoir in Montreal in zwei aufeinander folgenden Ausgaben (ein Rekord, was das Thema Frauen angeht) mit dem Festtag und mit einer Polemik: festlich am Vorabend des 8ten März die Erinnerung an eine Legende der Rockmusik vom Beginn des 20ten Jahrhunderts; polemisch am Tag X ein Bericht zum neuesten Werk von Elisabeth Badinter "Le Conflit - la femme et la mère" (Der Konflikt Frau - Mutter, Paris, Flammarion) mit einer Salve von Kommentaren eben so sehr pro wie anti...

Lernen wir erst einmal diese überraschende Eva Tanguay kennen: geboren 1878 in Québec, in einer Familie mit vier Kindern, die nach dem Tod des Vaters in Armut geriet. Isabelle Paré, die Verfasserin der Doppelseite meint, dass das arme Kind sich schon sehr früh hätte auf der Bühne stehen müssen und zu einer der ersten großen Persönlichkeiten des Feminismus wurde, weil sie ein unabhängiges Leben führte (sie wurde dreimal geschieden) und mit Überzeugung sang: "I don’t care " (tout ca m’est bien égal) (um mit Edith Piaff zu sprechen d.Ü.), aber vorallem, weil sie berühmt war! Die Journalistin stützt sich auf das Buch der amerikanischen Historikerin Susam A. Glenn, "Theatrical roots of modern feminism" (Wurzeln des modernen Feminismus im Theater). Die Forscherin stellt fest, dass weibliche Stars auf der Bühne, in der Music Hall, in Komödie und Drama allein schon durch ihre öffentliche Erscheinung, ihre Charakterstärke entscheidend zum Kampf um das Frauenwahlrecht beigetragen hätten...

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Sie starb mit 69 Jahren, arm, ohne Kinder. Mehrere Verlobte, Liebhaber oder Ehemänner blieben auf der Strecke - kein Zweifel, die Unbezähmbare wäre ein Fall für Elisabeth Badinter, deren Buch Christian Rioux auf der Titelseite bespricht (im allgemeinen selten, jedoch nicht in Le Devoir, dass ein Buch es auf die Titelseiten schafft). Man meint das Werk schon fast ganz zu kennen, so sehr war es Gegenstand der Auseinandersetzung in Frankreich. Die Philosophin führt einen Schlag gegen Tendenzen eines reaktionären Feminismus, der bei gewissen Umweltfreund/inn/en herrsche: Natur, Mutterschaft, natürliche Brusternährung, würden übertrieben betont, zu Ungunsten sozialer Bedingtheit der Frauen, Arbeit, Karriere, Engagement usw.. Solche Feier des Natürlichen ist nicht neu, man findet sie über das ganze 20te Jahrhundert hin, die mächtige Sexualität der Frauen in Varianten je nach Ort, Regime und Ideologie...

Das Interessante an Rioux’s Artikel ist vielleicht nicht das, was der Journalist schreibt, sondern die nachfolgenden Reaktionen, ein Schwall von äußerst virulenten Meinungen, aus denen wir ein paar Perlen herausfischen. Nebenbei sei bemerkt, das die Stimmen, die sich als Mutterschaftsexperten geben und Madame Badinter alles andere als Wohlwollen entgegenbringen, vorallem die von Männern sind.

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Blütenlese der Stimmen anti: Stopp diesem Dinosaurierfeminismus (François), die Vorteile der Brusternährung sind durch Untersuchungen belegt. Sollen sich doch die Frauen, die nicht die Brust geben, ruhig schuldig fühlen (Jacques), Mme Badinters Feminismus zeugt von Maskulinisierung der Frauen (Jean-Pierre), Ja zur Brusternährung, Ja und nochmal ja (Sylvie).

Und die Äußerungen pro: Elisabeth Badinter ist eine Intellektuelle und Feministin, die heutzutage Unschätzbares leistet (France), Ich bin 63 Jahre alt und meine Tochter ist 34, sie ist gerade Mutter geworden, ihre Tochter ist 4 Monate alt. Sie ist den Umweltfreunden in die Falle gegangen mit ihrer Mutterschaft: Baumwollwindeln, sie kann nicht die Brust geben und quält sich mit Schuldkomplexen, 12 Stunden das Baby im Tragetuch, damit die Mutterbindung gestärkt wird. Ich frage mich, wer sich hier mehr bindet. Meine Tochter hat studiert, seit ihrer Niederkunft tut sie nichts außer sich MIT IHRER TOCHTER BESCHÄFTIGEN! WER hat ihr das Gehirn gewaschen? (Jeanne), Es lebe die Freiheit der Flasche! (Herzlos), usw., usw.

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Was uns angeht, wir empfehlen das schöne Buch einer französischen Psychoanalytikerin, abseits von Anathema und Diktat des Für und Wider der Brusternährung: L’érotique maternelle: Psychanalyse de l’allaitement(Mütterliche Erotik: Psychoanalyse der Brusternährung) von Hélène Parat (Paris, Dunod). Und schauen Sie sich unbedingt die Zeichnungen der argentinischen Karikaturistin Ana von Rebeur auf der Website von TV5Monde.com an....