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Wenn der 8. März sich nähert, breiten sich in Oesterreich die Frauen spaltenlang und bildbeladen aus. Nackt oder verschleiert, verdreht oder gerade formieren sich ihre Körper auf den Titelseiten großer und kleiner Tageszeitungen zu einem leicht chaotischen Tanz. Fern vom traditionellen Dirndl, das mich in meiner Kindheit in den Familienferien in Oesterreich begeisterte.

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Nehmen wir den Kurier mit einem verwirrenden Mosaik aus nackten, verdrehten Leibern. "Wenn Kunst und Porno sich begegnen" titelt die Tageszeitung. Beim näheren Hinsehen findet man bekannte, schon mal gesehene Bilder wieder: die Korpulente Freuds oder die gesetzte Elizabeth II von Koons, Rubens üppige Grazien oder die verhärmten Gestalten von Schiele... Das Leopoldmuseum der österreichischen Hauptstadt stellt die Wiener Sezession aus, jene fruchtbare Jugenstilbewegung an der Wende des 19ten zum 20ten Jahrhundert. Jedoch mit dem besonderen Blickwinkel enthüllter und neu interpretierter weiblicher Sexualität in der Morgendämmerung heutiger Pornoproduktioin und mit Vorläufern und Nachzüglern der Strömung. Die Besucher seien schockiert, schreibt die Zeitung, aber die Schlange vor den Toren des allseits geschätzten Kunsttempels wird von Stunde zu Stunde länger...

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In derselben Ausgabe der Zeitung entschleiert eine junge Wienerin ihre Vorliebe für die Verschleierung. "Ich habe mich im Schlaf entschieden, mich zu verschleiern. Ich wollte plötzlich ein Kopftuch tragen, um damit zu zeigen, dass ein wohl gebildeter Kopf keine Frage des Tragens oder Nichtragens einer Kopfbedeckung ist..." Die junge Frau aus einer Immigrantenfamilie wollte ausserdem die Reaktion der Anderen erfahren. Besser hätte ihr das kaum gelingen können: ihre Nachbarn sahen sie mit ernsterem Blick und die Kollegen mit eher neugierigen Augen. Ähnliches hatte eine französische Künstlerin versucht. Im Juni 2009 verschwand Bérangère Lefranc drei Wochen lang unter Burka und violetten Halbhandschuhen. "Ich wollte nicht mehr gesehen werden", schrieb sie nach der durchaus zweischneidigen Erfahrung. "Ich hatte in dieser Kleidung riesige Macht. Eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Niemand konnte den Blick von meiner Erscheinung abwenden. " Welche Frau hätte nicht einmal davon geträumt, zu sehen ohne gesehen zu werden? Ich habe so ein Wunschdenken in El Oued in Algerien erlebt, einer sehr sinnlichen Stadt mit ihren makelosen Kuppeln, wo die Frauen ganz in Weiß gekleidet einhergehen, und nur ein Auge so eben mal zu sehen ist. Junge und Alte, Hässliche, Schöne, Behinderte und Nichbehinderte, im Leichentuch der Uniform erscheinen alle gleich...

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Die Kleine Zeitung winkt mit jenem Symbol triumphierender Weiblichkeit der Frauen die "weder Mann noch Kind, noch irgendwelche Kompromisse" wollen. Im Alter zwischen 7 und 77 Jahren fordern da ihre Freiheit die, die der verzweifelten Suche nach dem bezaubernden Prinzen eine endgültige Absage erteilen.

Liebhaber nach Art von Alexandra Kollontai, Erfinderin der "sukzessiven Monogamie", Liebhaber so wie man ein Glas Wasser trinkt und die Tage sind der Arbeit gewidmet und der vergnüglichen Entfaltung unter Freundinnen. "Umgedrehte Männer" glaubte ein verquerer Soziologe feststellen zu können. Warum wären dann die Männer mit ihren Unsterblichkeitschimären nicht auch umgedrehte Frauen?