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Wann kippt man um? Weiß man auch nur, wann man die rote Linie überschritten hat, die die Humanität von der Inhumanität trennt? Wie kann man vermeiden, dass man sich an unmenschliches Tun gewöhnt? Diese grundsätzlichen Fragen stellte jetzt die Moskauer Wochenzeitschrift Tribuna im Zusammenhang mit einer galoppierend zunehmenden Problematik: russische Skinheads gefallen sich mehr und mehr in rassistischen Angriffen gegen andere Bürger Russlands.
Das Blatt fragt sich: noch vor gar nicht langer Zeit hätten wir uns über bestimmte Vorkommnisse sehr aufgeregt: Heute werden sie von der Presse nicht mal erwähnt... Und die Behörden behaupten, das Ganze sei nur ein Mythos. Dabei ist allein die nüchterne Aufzählung der Fakten schon erschreckend.

Die Litanei mag etwa so beginnen:

- Letzten Dienstag Abend gehen Naisa und Makan, ein junges Paar, beide erst 20 Jahre alt, kirgisischer Herkunft und schon seit zwei Jahren russische Bürger, in Moskau nach Hause. Naisa arbeitet in einem Restaurant als Konditorin. Makan studiert um Koch zu werden. Naisa bricht unter den Schlägen gegen ihre Brust zusammen, Makan wird die Gurgel durchgeschnitten.

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Letzten Monat hat eine Truppe von etwa 150 Skinheads in Sankt Petersburg in einer Einkaufstraße mit Händlern aus Zentralasien ein Pogrom veranstaltet: eingeschlagene Schaufenster, zerstörte Waren, zusammengeschlagene Händler, brennende Autos usw...

- Im Süden der Moskauer Region wurden zwei Bürger aus Aserbaidschan auf offener Straße durch Pistolenschüssen getötet.

- Eine Bewohnerin von Petrozavodsk, auch sie aus Aserbaidschan stammend, wurde von einer Bande von Skinheads angehalten. Der jungen Frau von 22 Jahren wurden die Beine gebrochen, bevor sie umgebracht wurde.

- Eine andere wurde vor ihrem Haus von vier Glatzköpfen angegriffen, die ihr Jauche überschütteten.

- In Kostroma wurde die Synagoge mit Nazisprüchen und Nazizeichen beschmiert.

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In Voroneje war eine junge tunesische Medizinstudentin das Angriffsziel von 40 jungen Extremisten. Sie hat den Überfall nicht überlebt.

- Ein paar Tage zuvor wurde ein ebenfalls ausländischer Student in Voroneje durch einen Messerstich ins Herz sehr schwer verletzt.

- Auf einem Moskauer Markt hat eine weitere Bande ein Pogrom veranstaltet. Die Händler verteidigten sich. Ein paar Stunden später wurden Naisa und Makan aus Rache getötet.

Wer sind diese jungen Extremisten? Woher kommen sie? Ein befragter Politologe antwortet mit einer sozioökonomischen Erklärung. Doch Vorsicht, die russischen Skinheads kommen nicht aus Elendsfamilien und schlafen nicht auf der Straße.

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Ganz im Gegenteil, die meisten kommen aus einem ambitionierten Elternhaus, aus Kreisen, die in der Sowjetunion früher zu den herrschenden zählten oder aus Kreisen der Geschäftswelt. Aber infolge von Reformen oder Rückschlägen haben diese Eltern ihre Besitztümer und ihre soziale Stellung verloren. Ihre Abkömmlinge sind Heruntergekommene und von denen gibt es in Russland immer mehr, sehr entschlossene und gefährliche... Die politische Klasse steckt im Großen und Ganzen den Kopf in den Sand und will eine Bewegung, die sie eines schönen Tages hinwegfegen könnte, nicht sehen und daher auch nicht bekämpfen.


Alexander N. Tarasow hat 2005 den "Aufstieg der Skins in Russland" ausführlich dargestellt und kam zu dem Schluss: "Während staatliche Stellen Skins für ihre Zwecke einzusetzen geneigt sind, wird antifaschistische Arbeit nicht unterstützt. Die offizielle Bekämpfung von Naziskinheads in Rußland ist aufgesetzt und wirkungslos. Es ist davon ausszugehen, daß die Subkultur der Skinheads in Rußland unter den heutigen Bedingungen weiterhin anwachsen und sich verfestigen wird."

Die seit den 60er Jahren im Westen auftauchenden "Skinheads" verstanden sich, auch in ihrer Musik, als Antirassisten. Auch im heutigen Russland gibt es, wenn auch in verschwindender Minderheit im Vergleich mit den hier angesprochenen "Boneheads", andere Skinhead-(Jugend-)kulturen.