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Vor dem Anblick des bergigen Horizonts schrieb Blaise Pascal, Theologe im 17. Jahrhundert: "Was diesseits der Pyrenäen wahr, ist jenseits irrig..." Ein universeller Gedanke zu einer Relativität der Geschichte, die Europa derzeit, anlässlich der siebzigsten Wiederkehr des Datums mit dem der Zweite Weltkrieg begann, in neuer Abwandlung durchlebt. Im wesentlichen waren es Polen und Russen die über die Presse ihre Polemik austrugen, wobei sie seit dem Ende des Sowjetreichs, wenn man von der russischen Enklave Kaliningrad absieht, fast keine gemeinsame Grenze mehr haben.

1939 waren die beiden Länder noch über hunderte von Kilometern unmittelbare Nachbarn und die Jahrhunderte alte Feindschaft in ihren Beziehungen hatte mit der russischen Revolution eine neue Dimension gewonnen. An der Südwestflanke Polens rasselte Hitlerdeutschland mit den Waffen. Ein Jahr zuvor hatten England, Frankreich, Italien und Deutschland das Münchener Abkommen geschlossen und damit de facto die Annexion des Sudetenlandes durch Hitler anerkannt.

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Das dritte Reich trat in Verhandlungen mit Stalin ein, um sich für seine weiteren Eroberungspläne das sowjetische Stillhalten zu sichern. Die geschwächte Sowjetunion war nicht weniger einem Krieg abgeneigt als die Westmächte. Am 23. August 1939 unterzeichneten die beiden Staaten einen Nichtangriffspakt, legten aber gleichzeitig die Aufteilung ihrer Einflusssphären fest: Polen und Finnland wurden aufgeteilt. Durch dieses Abkommen gestärkt, marschierte die Wehrmacht am 1. September in Polen ein. Die Geschichte des Textes, der nach den Unterzeichnern auch Molotow-Ribbentrop-Pakt heißt, die Ursachen und Folgen des Schriftstücks, bringen heute Polen und Russland gegeneinander auf, genauer gesagt eine Fraktion der politischen Klasse Polens, mit dem gegenwärtigen Staatspräsidenten Lech Kaczynski an der Spitze, gegen Moskau. Wenn man der lautstarken, sehr katholischen und konservativen Minderheit Glauben schenken will, wurde der Zweite Weltkrieg durch den Nichtangriffspakt ausgelöst, also durch die Russen, die damit die Hauptverantwortlichen für die Katastrophe werden und - warum nicht - auch für den Genozid, womit die Deutschen ihrer überwältigenden Verantwortung für die Schrecken dieses Konfliktes enthoben wären.

Wladimir Putin ist zum Gegenangriff übergegangen und hat sich in der Gazeta Wyborcza an die Polen gewandt. Die große, bedeutende Warschauer Tageszeitung, die von ehemaligen Solidarnoscz-Leuten geleitet wird, hat dem russischen Premierminister sogar ihre Titelseite zur Verfügung gestellt. In einem langen Beitrag macht er aus der moralischen Verwerflichkeit des Abkommens kein Hehl, stellt es aber in den historischen Zusammenhang mit den Zugeständnissen auch der Westmächte an das Dritte Reich. Gleichzeitig haben sowjetische Geheimdienste kompromittierende Aufzeichnungen von polnischen Politikern der damaligen Zeit veröffentlicht, aus denen eine sehr ärgerliche Hinneigung zu Deuschland hervorgeht...

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Bei den Feierlichkeiten zum 1. September wollte Wladimir Putin offenbar mit rhetorischem Aufwand dem Streit ein Ende setzen: "Es bringt nichts, aus verschimmelten Brötchen die Rosinen herauszupuhlen". Eine eher nationalistische russische Presse applaudiert ihm. Sein polnischer Amtsbruder Donald Tusk drückte sich eleganter aus: "Vom ersten Augenblick an zeigte sich in unserem Gespräch unter vier Augen, das wir einen Schritt weiter gekommen sind in einer gemeinsamen Sicht auf unsere Vergangenheit im Hinblick auf bessere Bedingungen für den Aufbau unserer Zukunft."


"...legten aber gleichzeitig die Aufteilung ihrer Einflusssphären fest". Ich würde allerdings auch denken, dass die deutsche Regierung ohnehin auf Krieg im Osten aus war, dass nachdem die Verhandlungen mit den Westmächten immer wieder scheiterten, einer sowjetischen Regierung, die zur hinreichenden Aufrüstung der Streitkräfte Zeit zu gewinnen trachtete, ein Pakt mit Deutschland letztendlich als der Ausweg erschien, der dem Land eine strategishe Pufferzone sicherte, die gleichzeitig dem deutschen Eroberungswillen Grenzen setzte (ein Ausweg der auch die Rüstungslieferungen aus den Skodawerken weiterhin garantierte). Wenn Maxim Litwinow (1876-1951), Molotows Amtsvorgänger, sein Bestes tat, um mit dem Westmächten zu einer Koalition zu kommen und wohl kaum für ein Stillhalteabkommen mit Nazideuschland sein konnte, hat er doch bitter erfahren müssen, das im Westen Kräfte von der Vorstellung ausgingen, Faschisten und Kommunisten könnten sich militärisch aneinander aufreiben und so erst einmal die "Weltrevolution" aus der Welt schaffen.