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Koinzidenz: In Japan, in Argentinien, in Italien, in Spanien und in Deutschland präsentierte sich diese Woche die Vergangenheit auf den Titelseiten der größten Tageszeitungen. Mehr oder weniger zurückliegende, schwere Vergangenheiten, denen man sich einerseits stellen möchte und die man andererseits gerne nicht geschehen sähe. Beginnen wir unsere Reise durch die Welt der schlechten Gewissen in Japan. Die Asahi Shimbum, das Tokioer Referenzblatt, hat bis dato unbekannte Berichte über dunkle Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs herangeschafft: Berichte über die Irrwege von Sanitäterinnen, deren Einheiten den Verwundeten an der Front Hilfe bringen sollten. Die Zeitung berichtet insbesondere über ein Feldlazarett auf den Philippinen mit einigen zwanzig ganz jungen Frauen und einem Arzt, die 650, zum Teil schwer-, verwundete Soldaten zu versorgen hatten. Niemand hatte sie gewarnt, als die Alliierten dort bombardierten. Sie irrten tagelang in den Bergen herum, viele starben in dem Chaos, bis sie zufällig vom Kriegsende und von der Niederlage ihres Landes erfuhren. Insgesamt wurden 26 000 quasi Jugendliche (keine war älter als 20 Jahre) an verschiedene Fronten geschickt, von China bis zu den Philippinen, von Thailand bis Birma... Jetzt wurden die verzweifelten Berichte ausgegraben, die einige damals geschrieben haben.

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In Argentinien stieß die linksgerichtete Tageszeitung Pagina 12 auf merkwürdigerweise in aller Ruhe lebende Rentner: Offiziere, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, weil sie am Schreckensregime der Junta des Generals Videla am Ende der 70er Jahre beteiligt waren, erhalten seit sie amnestiert wurden, eine schöne Rente als "Helden" des Kriegs um die Malvinen. Dabei hatte der vorige Präsident Nestor Kirchner größte Wachsamkeit angemahnt, nachdem ihm zahlreiche ähnlich gelagerte Fälle zu Ohren gekommen waren. Dennoch konnten die Investigatoren der Zeitung fast zwanzig hochrangige Militärs entdecken, denen die lebenslange Manna zufällt.

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In Italien entwickelte sich eine Polemik um ein Doppelgespann der Alleanza Nazionale, der extrem rechten Partei an Silvio Berlusconis Seite: Gianni Alemanno, der Bürgermeister von Rom, der sich ständig mit dem Keltenkreuz, dem Symbol der jungen Faschisten zu Mussolinis Zeiten, schmückt, hatte im exzellenten Corriere della Sera betont, dass er "den Faschismus nicht als das absolute Böse betrachtet". Zwei Tage später setzte der Verteidigungsminister Ignazio La Russa noch eins drauf und ehrte die treuen Mitkämpfer des Duce und die, die mit den Nazis bis zum Ende mitgingen, gleich nachdem er den von den Kugeln der deutschen Truppen getöteten Soldaten seine Ehre erwiesen hatte. Man stelle sich nur die gerechte Empörung vor, wenn etwa Hervé Morin, der französische Verteidigungsminister, erst den Widerstandskämpfern der FTP (Franc-tireurs et partisans - Freischärler und Widerstandskämpfer d.Ü.) und anschließend der französische Nazidivision Charlemagne seine Reverenz erweisen würde. Wie es scheint, ist alles erlaubt , seit der Cavaliere wieder an der Macht ist.

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Dagegen stehen die Zeichen in Madrid nicht auf Verschleierung: Premierminister Zapatero begrüßte die neue Initiative des Richters Baltazar Garzon, der sich schon bei der Verfolgung von General Pinochet hervorgetan hatte. Jetzt hat er eine Voruntersuchung gefordert zu den zehntausenden von Vermissten des Bürgerkrieges und der dunklen Jahre des Francoregimes: Getötete, die man eilig in Massengräbern verscharrt hat. Die oft als eine der besten Tageszeitungen der Welt angesehene, sechs Monate nach Francos Tod gegründete El Pais erinnert daran, dass bisher ein Gesetz von 1977 die gerichtliche Verfolgung nicht zuließ. Hinzu kommt die Verjährung politischer Verbrechen, die vor 1976 begangen wurden. Viele Angehörige standen vor einer Mauer des Schweigens, wenn sie nach ihren Toten fragten und konnten die Überreste der Ihrigen nicht bergen. Jetzt wurde mit Ausgrabungen begonnen: ein erneuter Schritt nach dem im vergangenen Jahr erlassenen Gesetzes "Zum Geschichtsgedächtnis".

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"Es war einmal in Westdeutschland..." Diese Überschrift steht über drei schwarz-roten Fotos auf der sonntäglichen Titelseite der FAZ, der berühmten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Diesmal bereitet sich das Land vor, sich in einem Film, von dem alle Welt jenseits des Rheins schon Wochen vor der Premiere redet, mit einem Kapitel seiner neueren Geschichte auseinanderzusetzen, mit der Entstehung und den ersten Taten der Rote Armee Fraktion (RAF). "Der Baader-Meinhof-Komplex" der Filmemacher Bernd Eichinger und Uli Edels gibt vor, die historischen Bedingungen der Entstehung der Gruppe und die Spuren, die sie im heutigen Deutschland hinterlassen hat, kompromisslos darzustellen. Auch die Frage nach der starken Beteiligung von Frauen scheint er anzugehen. In der nächsten Woche wird man sehen, was es mit dem Film auf sich hat. Zuerst in Berlin, in einem Monat dann überall.