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Es ist, als hätten sie sich beiderseits des Ozeans miteinander abgesprochen. Zwei Tageszeitungen, die eine in der Schweiz, die andere in einer kleinen Stadt in Alabama, in den Vereinigten Staaten, beschlossen in diesen Spätsommertagen, sich mit untergehenden Welten zu beschäftigen, mit Arbeitern im Blaumann, mit rauchenden Schornsteinen oder mit Eisen- und Stahlkonstruktionen. Die Genfer Le Temps begleitete eine Gruppe polnischer Arbeiter auf dem Weg nach Brüssel. Die Aktion gilt der Rettung der Werften in Gdansk, dem Ort, von dem jene unerschütterliche Bewegung ausging, die zum Fall der kommunistischen "Volksdemokratien" führte. Dabei sei das Dock B1 so geräuschvoll wie eh und je, stellt Yves Petignat , der Sonderkorrepondent der Zeitung fest, und man könnte glauben, es stünde Alles zum Besten.

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Aber dem ist nicht so: "von fast 18000 Arbeitern in den achtziger Jahren ist die Zahl auf weniger als 3000 heute gefallen". Genauer auf 2700, die nur auf der Hälfte der Werftflächen in ihrer größten Ausdehnung in Zeiten der mythischen Solidarnoschtsch arbeiten. Die heute weniger militante Gewerkschaft schlägt sich nicht mehr mit einem ausgedienten Regime herum, sondern mit der Europäischen Verwaltung, die die Schließung weiterer Docks der Werft verlangt. Im Fall der Weigerung will die sehr liberale europäische Wettbewerbskommissarin, die Niederländerin Neeli Kroes die Subventionen für die polnische Schiffsindustrie zurückverlangen. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass Frau Kroes denkt, dass die von Brüssel zur Verfügung gestellten Mittel nicht zur Umstrukturierng des verlustträchtigen Industriezweigs geführt haben, sondern zur Verzerrung des europäischen Wettbewerbs.

Im Einklang mit seinen Arbeitern verkündet der Präsident der legendären Werften ganz im Gegenteil, dass eine Privatisierung kurz bevor stünde, eine vielversprechende Zukunft, mit Aufträgen für zwei Jahre im Voraus und Optionen bis 2010. Nur wegen der europäischen Forderungen würden die Inverstoren noch zögern. Wird die kleine Arbeiterdelegation die europäischen Regeln ändern können?

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Es ist ein schönes Foto: die Ruinen der Textilfabrik, mit denen The Anniston Star eine Artikelserie zum Niedergang der Gewerkschaften in Alabama einleitet. Alabama liegt im Südwesten der Vereinigten Staaten, zwischen Missisipi und dem Golf von Mexiko. Anniston wurde 1873 gegründet, gilt als urbanistische Modellstadt, weil sie sich harmonisch um ihre Industrien gliedert, und ist eine Kleinstadt (24 000 Einwohner) in diesem sezessionistischen Bundesstaat an den Hängen der Blauen Berge, da wo die Apalaches anfangen. Eine Stadt, die stolz ist auf eine ihrer ältesten Zeitungen, die sich immer noch im Familienbesitz befindet und den Spitznamen "The Red Star" (Roter Stern) trägt, weil sie während der schwarzen Bürgerrechtsbewegung für die integrierte Schule eintrat. Auch wurde sie zweimal von ihren Kollegen vom Time Magazin zur besten Tageszeitung der Vereinigten Staaten gekürt.

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Bei der mitreißenden Lektüre der Lokalreportagen von Mary Jo Shafer meint man Einblick in das ganze Land zu gewinnen. Alabama, der einzige Südstaat, der im gewerkschaftlicher Organisationsgrad mit den Nordstaaten konkurrieren konnte, verändert sich grundlegend: für die ehemaligen Landarbeiter, die die Aussicht auf ein besseres Leben in die Stadt lockte, war die Gewerkschaft eine Durchgangsstation für die indiviuelle Emanzipation. Genau wie andernorts haben die Gewerkschaften mit dem Niedergang ehemals florierender Eisen-, Stahl- und Textilindustrien an Einfluss verloren. Die Tendenz wurde noch verstärkt durch das "right-to-work statute", dass in mehreren Bundesstaaten, darunter in Alabama in Kraft ist. "Die Arbeiter von heute denken nicht mehr an die Zukunft. Sie denken weniger an eventuelle zukünftige Chancen oder an die Bewahrung ihrer Rechte, als an ihr tagtägliches Einkommen" klagt Nathaniel Davis, einer der befragten Gewerkschaftler.

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Dabei könnte er eigentlich ganz zufrieden sein: er steht der mächtigen Sektion der Postler von Anniston vor, eine der wenigen, die, wie nur auch die anderen im öffentlichen Bereich, große Zuwachsraten vorweisen kann. Das sollte die Regierenden zum Nachdenken veranlassen, überall in der Welt, wo massiv Beamtenstellen abgebaut werden. Colin Davis, Historiker der Geschichte der Arbeit findet: "Historiker hüten sich, Prognosen abzugeben. Ich würde mir niemals erlauben, Verschwinden oder Wiederkehr der Gewerkschaften vorherzusagen. Neue Industrieen wie die Automobilbranche kommen auf, und Alles ist möglich."

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Man wird sich mit einer beispielhaft glücklichen Wiederkehr in Israel trösten, von der Eli Ashkenazi in der Haaretz berichtet. Es handelt sich um eine ganz besondere Schule, eine Art Universtität fürs Leben, deren Wahlspruch "Multikulturalismus" ist, und die den Blinden und Lahmen der ganzen Welt offen stehen möchte. Zum Beispiel jenen beiden 17 jährigen Flüchtlingen aus Guinea, jenen drei anderen aus Darfour oder ein paar jungen Arabern, denen ein "Rückkehrgesetz" hier zu studieren erlaubt, nur ohne ihre Familien. 1933 gegründet, hat die Kaddorie Landwirtschaftsschule eine ganze Reihe von Führern der Arbeiterpartei hervorgebracht (unter ihnen Yitzhak Rabin). Früher bildete sie 20 Studenten pro Jahr aus, heute sind es nicht weniger als 1580. Der Direktor Hillel Heilman strahlt vor Optimismus. Wenigstens einer!