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Selten macht ein Buch Schlagzeilen. Noch ungewöhnlicher ist, dass auf Titelseiten Worte fallen wie Transzendenz, Dichotomie, Ideologie oder Mythos. Die Tageszeitung Le Devoir in Quebec bricht regelmäßig mit Klischeevorstellungen. So auch diesmal. Sie reagiert auf das Erscheinen einer polemischen Abrechnung mit der Kultur ("Krisenstimmung in der Kultur Quebecs?" Verlag Boréal): die Intellektuellen im schönen Landesteil würden an Depressionen leiden. Eine Feststellung, die in die Wahlkampagne (dort, leider nicht hier in Frankreich) am Vorabend der Wahlen (dort, nicht hier) hineinplatze. Sei an sich schon die Feststellung von einem Werteverlust zugunsten von Hedonismus, Narzissmus, Konformismus und Erlebniskult deprimierend genug, die Mehrheit der befragten Intellektuellen geriete geradezu in Panik: "Unsere Gesellschaft steht vor einem Riesenproblem, eine niedagewesene Situation, unkontrollierbare Veränderungen, jahrtausende alte symbolische Gleichgewichte sind gestört."

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In der Aufstellung der Gründe und Folgen einer solchen Störung findet man in schönem Durcheinander(manchmal sowohl die Sache als auch ihr Gegenteil): Globalisierung, kulturelle und ethnische Verschiedenheit, Überalterung und Stagnation der Bevölkerung, nach Meinung des Verfassers Gérard Bouchard "ein in der Weltgeschichte nie dagewesenes Phänomen". Und natürlich, hinter dem allen die Medien, in denen Meinung triumphiert und die Verschiedenheit gefeiert wird. Kurzum, auf dem Alten Kontinent oder in der Neuen Welt ist die Lage verfahren... Es sei denn, Alles ist, wie manche denken, nur vorübergehend, ein Übergang zu neuen "großen Gedanken, zu aufrüttelnden, schwungvollen Ideen der Jugend: Ökologie, mitbürgerliches Engagement oder auch die virtuellen Welten, der Cyberspace, Mythen ohne Verbindung untereinander, Bruchstücke. Aber ist Verbindung überhaupt nötig?" Angesichts solcher Fragen auf der Titelseite debattieren die Wähler in Quebec, die eifrigen Leser ihrer meistgefragten Tageszeitung ganz bestimt auf einem Niveau hundert Ellen über dem der Franzosen...

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In Japan stehen die Christen vor einer existentiellen Frage: Asahi Shimbum bestätigt, dass die Region Nagasaki mit einer kleinen Sammlung von etwa zwanzig, zum Teil fünf bis sechs hundert Jahre alten Kirchen für das Weltkulturerbe der UNESCO kandidiert. Doch dieser Versuch, die Bauwerke zu retten, die wenig bekannte katholische Vergangenheit Japans aufleben zu lassen, bringt die winzige überlebende (um nicht zu sagen, im Verborgenen lebende) katholische Minderheit im Reich der aufgehenden Sonne in Verlegenheit. Manche Priester sind hin- und hergerissen zwischen der Aussicht auf willkommene Geldströme zur Erhaltung ihrer Schätze und dem Schrecken möglicher Ströme ungezogener Touristen, die ihre Kippen in den Weihwasserbecken ausdrücken, während der Messe Blitzlichtphotos machen oder Graffitti auf die heiligen Wände sprühen. Die Geschichte der Christen in Japan und ihrer Kultstätten wurde bekannt durch einen Roman von Shusaki Endo: "Stille", der die fürchterliche Unterdrückung vom 17ten bis zum 19ten Jahrhundert schildert. Als gebrannte Kinder infolge dieser dunklen Zeiten, leben die Christen lieber glücklich im Verborgenen.

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Das Wiederaufleben der Vergangenheit macht auch den Regierenden in Tokyo regelmäßig zu schaffen. Die Herald Tribune erinnert an das Leiden der "Frauen für schöne Stunden", die den Soldaten Nippons im zweiten Weltkrieg angeboten wurden. Der neue japanische Ministerpräsident leugnet wieder einmal öffentlich diese Vorgänge, auch wenn er nicht so weit geht wie alte Offiziere, die ihre Opfer als Prostituierte bezeichnen und so noch mehr stigmatisieren. Jetzt hat dieser neuerliche Negationismus jedoch drei Großmütter, die sich nicht kannten und die nicht einmal die gleich Sprache sprechen, dazu bewegt, die lange Reise nach Australien zu unternehmen, um dort vor dem japanischen Konsulat zu protestieren. Die drei, Wu Hsiu-mei aus Taiwan, heute 90 Jahre alt, eine Südkoreanerin, 78 Jahre alt, und Jan Ruff O’Herne, eine Australo-Holländerin, 84 jährig, teilen ein Schicksal als sexuelle Sklavinen der japanischen Armee. Die Geschichte ist ausführlich dokumentiert, die Umstände sind anerkannt. Die erneute Zurückweisung wurde am 8ten März, am internationalen Tag der Frauen veröffentlicht. Die drei Frauen haben an diesem Tag bestimmt nicht gefeiert.

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Die originellsten beiden Schlagzeilen zu dem

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unvermeidlichen 8. März erschienen in Indien und in Argentinien. Die Hindustan Times sucht neue Trennungslinien (oder Grenzen der Eroberung) zwischen den Geschlechtern : also, diese Trennungslinien verlaufen, der populärsten Tageszeitung Neu-Delhis zufolge, mitten durch die indische Armee. In sie sind zahlreiche Frauen eingetreten, aber sie bleiben vom Kampf "Mann gegen Mann" ausgeschlossen. A propos Körpereinsatz: Pagina 12 feiert die Argentinierinnen in einer großen Umfrage zu ihrer Sexualität (im Trend, wenn auch in dieser Art dort erstmalig...). Es kommt heraus, das die Hälfte ihre erste Beziehung zwischen 15 und 19 Jahren haben und die andere Hälfte zwischen 20 und 29 Jahren; das acht von zehn Verhütungsmittel verwenden; und dass sie im Mittel jede beinahe zwei Kinder zur Welt bringen. Dies "beinahe" sagt alles ...