Bei meinen wöchentlichen, erdumspannenden Reisen durch die Weltpresse veranlassen mich mal ein Titel, mal ein Foto den Film vorübergehend anzuhalten. In dieser Woche gab es was für jeden Geschmack und auf allen Kontinenten... Auch wenn man sich manchmal fragt, warum eine Nachricht, ein Bild auf der Titelseite erscheint.

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So bei diesem wildgewordenen Stier, der sich bei der "Royal New Zealand Show" in Christchurch, der zweitgrössten Stadt Neuseelands in die Menge gestürzt hat. Bei diesem bedeutenden,jährlichen Ereignis des Landes, vergleichbar mit dem Salon de l’Agriculture, der französischen Landwirtschaftsschau. Obendrein hat sich das Hornvieh zur Befriedigung seines Zerstörungstriebes ausgerechnet ein Poney-Defilé ausgesucht. Doch zum Glück wurde niemand verletzt. Die Angelegenheit scheint für The Press so wichtig, dass das Blatt ein Video der Attacke ins Netz gestellt hat.

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In Japan kann man beim Betrachten der Titelseite einer der auflagenstärksten Tageszeitungen der Welt, der Asahi Shimbum (die zum Glück für die weniger nipponophonen Leser auch in einer englischen Version erscheint), ins Träumen geraten: Tokyo verstärkt seine Sanktionswelle gegen Nordkorea diesmal mit dem entscheidenden Schlag: die Regierung beschliesst, den Export von 24 Luxusprodukten zu verbieten für ein Land, dass von Armut, ja selbst Hunger, heimgesucht wird. Man stelle sich den Dialog von zwei zum Skelett abgemagerten Bürgern im tiefsten ländlichen Nordkorea vor, die gerade den Boden auf der Suche nach ein paar Wurzeln durchackern und total niedergeschlagen die schlechte Nachricht hören: "Oh Schreck, es gibt kein Kaviar mehr und auch keine Edelsteine."

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In der Schweiz und in Australien schlägt die Debatte um die Polizei und ihre Organisation hohe Wellen. The Age, das Referenzblatt aus Melbourne, zeigt sich beunruhigt über die neue Ausrüstung der Polizisten, ihre neuen Waffen (halbautomatische Schiessprügel) und vorallem über die Erweiterung der Einsatzberechtigung. Die Zeitung befürchtet weitere Einschränkungen der individuellen Freiheit durch diese Massnahmen.

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In Genf löste eine Frau, aber diesmal aus den Reihen der Polizei, die Debatte aus. In der Tribune de Genève erfahren wir, das in der Tat die helvetischen Gendarmen und Polizisten mit eiserner Hand von Monica Bonfanti geführt werden, von einer Art Margret Thatcher der Sicherheit. Man werfe ihr vor, dass sie autoritär sei, den Dialog ablehne und sich einer sehr persönlichen und übertriebenen Medienkampagne widme. Die Zeitung dementiert keineswegs und das erinnert an Vorwürfe die man anderen Frauen in anderen Breiten gemacht hat...

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Und just ist da eine Frau unter den Machthabern, die zornig ihre kleinen Fäuste einem leicht erstaunten, etwas verlegen dreinschauenden Mann vor die Nase hält, der wie ein Kosmonaut aussieht. Glaubt Angela Merkel nach ihrem ersten Jahr an der Spitze Deutschlands (dessen Bilanz von vielen gerühmt wird) sich alles mögliche erlauben zu können? Jedenfalls haben zahlreiche Blätter (bis in die Türkei) die Aufnahme nicht übersehen. Sie entstand bei einem Besuch bei der Truppe, bei der Begegnung mit einem Minenentschärfer in seinem Schutzanzug. Die Legenden ("Achtung" in Der Tagesspiegel oder "Boxtraining" im New Anatolian) betonen den kämpferischen Anschein.

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Ein anderes Bild ging um die Welt von einem Ereignis das ohne den scharmanten Anblick wohl kaum auf die Titelseiten gelangt wäre: drei der mächtigsten Männer der Welt posierten (unter ihren Kollegen) in Hanoi, zum Abschluss des Asien-Pazifik-Gipfels in traditioneller vietnamesischer Tracht. So wie es das Protokoll dieser Zusammenkünfte fordert: ein "ao dai", die lange, an den Seiten geschlitzte, seidene Tunika. Sie lächeln sich dümmlich
an, während die drei einzigen anwesenden Frauen, die chilenische Präsidentin und die der Philippinen, sowie die Premierministerin Neuzeelands, sich sichtlich wohlzufühlen scheinen und sogar den Hut aufgesetzt haben, was ihre männlichen Kollegen ablehnten. Wieder eine weibliche Überlegenheit... Die Zeitungen haben sich ganz dem Spass an den Untertiteln und den Zwischentönen hingegeben.: "Der
Staat hängt an einem seidenen Faden" für die Los Angeles Times, "Lehrstunde der Diplomatie" in der Presse Québeoise, "ich bin ganz mit Dir einig, George" für die russische Gazeta, "Handelt es sich um einen Spass?" für die Times of India, "Präsidenten in Seide" bei der Süddeutschen Zeitung usw. usw....

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Auf allen Fotos ist Wladimir Putin gut gelaunt. Das war am
Sonntag Vormittag. Vielleicht hat er wegen der Zeitverschiebung die britische Presse noch nicht gelesen, weiss noch nichts von der neuesten Affäre, die sein Verhältnis zu George und den anderen vergiften könnte? Seit mehr als drei Wochen kämpft ein ehemaliger Major des FSB (postsowjetischer Ersatz des KGB) mit dem Tod, nachdem er mit Thallium vergiftet wurde, dieser farblosen und geruchlosen Substanz, von der ein Gramm tödlich
ist...

Alexander Litvinenko interessierte sich näher für die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja vor einem Monat, deren Hintergründe auch die russische Iswestija aufzuklären versucht. Im einen Fall wie im anderen geraten die Geheimdienste unter Verdacht. Ihr Sprecher, Sergej Iwanow, dementiert: "Man muss in anderen Kreisen als denen der russischen Führung suchen". Ja, aber wo?

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Von allen Kreisen im heutigen Russland kann man sich, dank des Kinos, ein genaueres Bild machen. Leider sind die russischen Filme (deren Regisseure oft aus einer der besten Schulen der Welt, nämlich der von Meyerhold und Eisenstein gegründeten, kommen) nur zwischen Petersburg und Wladiwostok zu sehen. Ausser, einmal im Jahr, in Honfleur, in Frankreich. Diese gemütliche normannische Hafenstadt organisiert jedes Jahr im November ein Festival des russischen Kinos, das inzwischen zu einem der besten
in Europas zählt und nicht nur in Europa. Das kleine,
enthusiastische Organisationsteam des Ereignisses, bietet, angeleitet von Francoise Schnerb fast eine Woche lang (in diesem Jahr vom 22ten bis 26ten November) ein Dutzend Filme im Wettbewerb, aber auch eine Retrospektive, Filme für die Jugend und Dokumentarfilme.

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Für alle, die nicht das Glück haben, in Honfleur dabei sein zu können, bietet eine Internetseite ein komplettes Panorama des russischen und sowjetischen Kinos. Sie wird von zwei passionierten Freiwilligen Mitarbeitern fortlaufend versorgt und aktualisiert. Jacques Simon, pensionierter Lehrer und Elena Duffort, Filmkritikerin und Absolventin des VGIK haben diese Fundgrube von Sehens- und Wissenswertem "Kinoglaz" getauft, das ist der Name, den Dsiga Wertow seinerzeit seiner Avantgardegruppe gab.

Man findet biographische und filmographische Daten, geschichtliches, Interviews, Chronologien usw. Alles um sich die russischen Komplexitäten der Vergangenheit, der Gegenwart und, wer weiss, der Zukunft vor Augen zu führen und sie womöglich besser zu verstehen.


Inzwischen hat sich anscheinend herausgestellt, dass nicht Thallium sondern Polonium (Po) das Gift war. Dieses seltene, 1897 von Pierre und Marie Curie in Uranerz gefundene (und aus politischer Sympathie für die Unabhängigkeit Polens von Russland so benannte), chemisch dem Wismuth verwandte, Element der Protonenzahl 84 (mit zahlreichen Isotopen, von denen das häufigste das 210 (84 Protonen, 126 Neutronen)), zeichnet sich durch eine Reihe praktisch verwertbarer Eigenschaften aus, so dass es heute künstlich (Protonenbeschuss anderer Elemente im Zyklotron oder Neutronenbeschuss im Reaktor)hergestellt wird. Das Isotop 210 ist ein reiner Alphastrahler (die Atome zerfallen (zur Hälfte in 138 Tagen) in Helium und Blei, die Heliumkerne (Alphastrahlen) haben eine hohe Energie (5 Mio Elektronenvolt), die sie in Materie auf kurzer Strecke (z.B. schon in der Epidermis unseres Körpers) abgeben. So können mit geringen Mengen Po thermoelektrische Elemente (z.B. in Satelliten, auch schon im russischen Mondfahrzeug) betrieben werden. Die stark ionisierende (z.B. Luft elektrisch leitfähig machende) Wirkung wird genutzt, um elektrostatische Aufladung zu verhindern (Textil- und Filmindustrie). Po teilt eine sehr unangenehme Eigenschaft mit Plutonium: es löst sich schon bei niedrigen Temperaturen in Luft (bei 55 Grad "verschwindet" die Hälfte in 45 Stunden als Aerosol, obwohl der Schmelzpunkt bei 254 Grad liegt). Die Toxizität von Po (durch Einatmen oder Einnehmen) beruht auf der Radioaktivität und ist enorm hoch, Handhabung daher nur im Speziallabor: die gesundheitlich zugelassene Ganzkörperbelastung liegt bei 1100 Zerfällen pro Sekunde(Becquerel), was weniger als einem hunderttausendstel von einem Mikrogram entspricht. Gewichtsmässig ist Po so mehr als hundert Milliarden mal giftiger als Zyanide. Biologisch wird das Gift zur Hälfte in
30 bis 50 Tagen ausgeschieden. Die akute Wirkung kann bei entsprechender Dosis Strahlenkrankheit sein, längerfristig bleibt das Krebsrisiko. Versuchstiere starben an der Strahlenkrankeit bei Eingabe von etwa einem hundertstel von einem Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. In der technischen Anwendung (in durchaus bei Einnahme tödlichen Mengen) ist das Po in Keramik eingeschmolzen, frei ist der Alphastrahler wohl nur in weit weniger als tödlichen Mengen (etwa als Strahlenquelle im Labor) kommerzialisiert. Angaben s.Wikipedia.

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