Der Eclaireur du Gatinais, aber auch die überregionalen französischen Tageszeitungen berichteten in der letzten Woche vom gerichtlichen Nachspiel einer Affaire, die seit Monaten den Kanton Beaune la Rolande in Unruhe versetzt. Der Verwaltungsbezirk hat seine Geschichte mit so manchen schmerzlich-dunklen Momenten: eine gnadenlose Feldschlacht im Krieg gegen die Preussen 1870, eine ebenso fürchterliche im Ersten Weltkrieg und - still und schrecklich - ein Durchgangslager 1941-1943. Jüdische Frauen und Kinder wurden dort festgehalten (unter barbarischen Bedingungen, und bei beschaulich-bequemer Passivität der Umgebung) bis die Vichy-Polizei sie in die Todeslager deportieren liess (nachzulesen etwa bei Eric Conan, Sans oublier les enfants (Nicht zu vergessen die Kinder), Paris, Le Livre de Poche, Mai 2006.)

Doch die schöne Gegend zwischen Wald und weitem Feld zählt auch erfreulichere Sehenswürdigkeiten: die Schlossruine von Nibelle ("Nis de la belle":"Nest der Schönen", sprich Geliebten von Henri IV, dem König des "jedem wöchentlich sein Huhn im Topf") oder die Kirche von Boiscommun (16tes Jahrhundert mit einem Anbau aus dem 18ten). Dies herrliche Bauwerk gegenüber vom Rathaus der Gemeinde (ca 1000 Einwohner, einschliesslich der Zweitwohnsitze), eher eindrucksvoll friedlich, hallt wider wie eh und je von Messen, Hochzeits- und Begräbniszeremonien, von Konzerten und vom Klang der Glocken, deren Geläut bei Westwind bis Montbarrois (300 Seelen, zwei Kilometer nordwestlich) tönt.

Diese Glocken sind der Stolz und das Missgeschick von Boiscommun: dank elektronischer Steuerung läuteten sie Tag und Nacht, bis Neubürger des Fleckens im Schatten der Kirche Wohnung nahmen und um nächtliche Ruhe einkamen. Zunächst direkt beim Bürgermeister und als der ablehnte, vor dem Verwaltungsgericht. Ein erster Entscheid erging zu Gunsten der Glocken, ein zweiter dann zu ihren Ungunsten. Der Bürgermeister legte Widerspruch ein, es gab eine Petition für die Glocken und einen offenen Brief der Gegenpartei (die immerhin 1179 Schläge in 24 Stunden zählen konnte...). Es gab Drohungen, Gerüchte, Streit bis in die Familien, Zwist in Freundeskreisen. Die vergiftende Vox Populi liess niemanden aus, auch nicht die Verfasserin dieser Zeilen. Einfühlsam freundliche aber letztendlich wenig begründete Aufforderung bewegte auch sie zur Unterschrift für die Glocken. Alles andere als stolz, kann sie im Nachhinein nur bitterlich bereuen, dass sie sich zur Mitläuferin der Meute gegen "diese Leute" gemacht hat.

Nun hat der Conseil d’Etat, der Staatsrat, in seiner unendlichen Weisheit zu Gunsten der Nachtruhe in Boiscommun entschieden: die Glocken muntern uns auf bei Tag und schweigen in der Nacht.

Vielleicht hätte eine Volksabstimmung im Dorf, die unvoreingenommene Abwägung der Argumente der einen und der anderen in der Diskussion, oder auch die "Selbsterfahrung" an Ort und Stelle (Übernachtungen einzeln oder vereint im Schatten des Kirchturms) die Dämonen von einst und die Haßgefühle im Zaum halten können...

Uns haben die netten Lamas, die die Titelseiten mit den Glocken teilten, viel besser gefallen, als die hässliche Geschichte (Es gibt im Loiret neuerdings einen Züchter: das Vieh soll ein sehr guter Rasenmäher sein, ökologisch und obendrein was fürs Gefühl). In "Die sieben Kristallkugeln" und in "Der Sonnentempel" unterhält Kapitän Haddock mit so einem Säuger eine komplexe Beziehung. Das Vieh ärgert sich und spuckt ihm zu wiederholten Malen ins Gesicht. Der kleine andine Fremdenführer erklärt: " Wenn Lama sich ärgern, immer machen so!"


Hergé, Haddock: in einer "Rhetorik des Bildes" (groupe mu)das Beispiel einer bildlichen Trope (Pupillen in Flaschenform)

Spuckende Lamas? Nach Alfred Brehm (1829-1884, "Tierleben")bedienen sich die wilden Guanakos gegen ihren menschlichen Hauptfeind "mindestens eines allen Lamas eigentümlichen Verteidigungsmittels, lassen den Gegner dicht an sich herankommen, legen die Ohren zurück, nehmen einen sehr ärgerlichen Ausdruck an und speien ihm plötzlich ihren Speichel und die gerade im Maule befindlichen Kräuter ins Gesicht." Die neuere Verhaltensforschung lehrt, dass eigentlich nur Sexualkonkurrenten bespuckt werden, bei entsprechender Erregung sogar mit Mageninhalt.