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An was erkennt man den Entwicklungsgrad eines Landes? Von heute an vielleicht an seiner Fähigkeit sich über eine Krise im Gesundheitsbereich aufzuregen. Unter diesem Gesichtspunkt mag interessieren, dass die indischen Tageszeitungen wenig Aufhebens vom fulminanten Vordringen der neuen Grippe machten, sich jedoch von der Trinkwasservergiftung in Bholakpur (im Staat Andhra Pradesch im Osten Zentralindiens) sehr bewegen ließen. Fünf Menschen, darunter drei Kinder, starben, nachdem sie Leitungswasser getrunken hatten, und über 250 Personen wurden mit schwerem Durchfall in die Krankenhäuser eingeliefert. Es heißt, die Vergiftung habe ihre Ursache in einem überalterten Leitungssystem der Wasserversorgung, poröse Rohre bei parallel und zu dicht nebeneinander, beziehungsweise übereinander, verlaufenden Trink- und Abwasserleitungen. Im Armenviertel der dichtbewohnten Stadt breitete sich die Wut ebenso schnell aus wie die medizinisch-politischen Ängste in den reichen Ländern nach mexikanischen Grippevirus-Alarm. Die Bewohner des Stadtteils waren sofort auf der Straße, erstürmten das Krankenhaus und beschuldigten die Behörden, sie hätten Sanierungsarbeiten verzögert und nicht sofort reagiert, als schwarzes, stinkendes Wasser aus den Leitungen kam. Tatsächlich hatten die drei Tage verstreichen lassen, bevor die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen wurden. Die Wasserverwaltung ging ihrerseits zum Angriff über und schob den illegalen Färbereien im Viertel die Schuld zu. Sie hätten verschmutzte Rohre zum Wassertransport benutzt und darin läge die Ursache.

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Kein Zweifel, der so weit entfernte, nordamerikanische A/H1N1 aus diesem Mai 2009 wird im kollektiven indischen Gedächtnis keine Rolle spielen. Im Übrigen ist Erinnerung immer selektiv: Le Devoir erinnert an die verheerenden Folgen der spanischen Grippe am Ende des ersten Weltkriegs (wie auch wir bei TV5Monde), an die Hekatombe der Kanadier, die ihr zum Opfer fielen: 50 000 Tote, davon 14000 aus Quebec. Auf ihrem Höhepunkt tötete die Pandemie einen Bewohner Montreals alle neun Minuten. "In Kanda forderte die Grippe beinahe ebenso viele Tote wie der Krieg, und doch hat der erste Weltkrieg sehr viel stärkere Spuren hinterlassen" resumiert Professor Magda Fahrni, Historikerin an der Universität von Quebec in Montreal. " Im englischsprachigen Kanada hat der Krieg das Land geeint und in gewisser Weise geht die Geburt der kanadischen Nation auf ihn zurück. In Quebec, andererseits, sind es natürlich die Gestellungsbefehle deren man sich erinnert. Die Grippepidemie verschwindet dagegen ein wenig in der Vergessenheit, trotz der Verwüstung, die sie in zahllosen Familien angerichtet hat."

Im Interview mit der Tageszeitung aus Quebec entschlüsselt die ausgezeichnete Historikerin Stadtgeschichte anhand der Epidemien, am Beispiel von Montreal: "mich interessiert nach wie vor, in welchem Maß die Grippe zum Katalysator sozialer und hygienischer Maßnahmen im öffentlichen wie im privaten Bereich wurde," erklärt sie. "Weil ich die Geschichte Montreals kenne, habe ich zu dieser Stadt eine Fallstudie unternommen. Wie alle großen Städte auf der Welt, wurde auch Montreal zum Teil durch Epidemien geformt. Die Indianer Amerikas wurden durch Mikroben dezimiert, die vom alten Kontinent importiert wurden. Im 19ten Jahrundert hat die Industrieinsel drei aufeinanderfolgende Angriffe erlebt: die Cholera (1832), der Typhus (1847) und die Pocken (1885)"

Zu jenen Zeiten, erinnert dann noch Stéphane Baillargeon, der Autor des Beitrags in Le Devoir, war Krankheit "demokratisch": arm und reich litten gleichermaßen. Das ist heute gewiss nicht mehr der Fall, seitdem in den Ländern des Nordens Medikamente und Intensivmedizin verfügbar geworden sind, die gegen die mörderischen Viruserkrankungen wappnen. Damit wären wir natürlich bei einem weiteren Gradmesser der Entwicklung...