JPEG - 405.3 kB

Eine dieser Häufungen von Neuigkeiten, bei denen man sich fragt, ob sie sich dem reinen Zufall verdanken, oder ob eine höhere Macht im Spiel ist: vier Ereignisse in Spanien und in Russland, über die in Madrid, in Moskau und anderswo geredet wurde. Am 22. April feierte (oder beweinte) man die Geburt Lenins, beweinte (oder feierte) man den Tod von Juan Antonio Samaranch, verdrängte man die Erinnerung an die Francodiktatur, öffnete man die Archive der Stalinzeit...

JPEG - 116.4 kB

Am 22. April 1870, also vor 140 Jahren, kam Wladimir Iljitsch Ulianow in Simbirsk zur Welt. Weitab von Moskau und noch weiter von der damaligen Hauptstadt Sankt Petersburg, an den Ufern der Wolga, dort wo dieser größte und längste Strom der Welt sich plötzlich zu einer Art Abflusskanal verengt, bevor sich seine Wassermassen ins Kaspische Meer ergießen. Ein Provinznest, die Wiege eines Kleinadligen, der einst den Planeten zum Beben bringen würde. Wer erinnert sich noch daran? Wer kennt heute noch Lenin? Man muss schon in den Überbleibseln der kommunistischen Presse in Russland und im Vorzeigeblatt Kubas (und vielleicht auch im nordkoreanischen, das leider noch nicht im Netz zur Verfügung steht) nachsehen, um das Bild des Revolutionärs auf der Titelseite zu finden. "Ein Land und die ganze Welt auf den Schultern Lenins", titelt die Pravda (Die Wahrheit), ein Schatten des einstigen Organs des Zentralkomitees der sowjetischen kommunistischen Partei, ein Blatt, das noch immer seine Leser hat. "Lasst uns aufs Neue Lenin kennen lernen", echot die Sowjetskaja Rossija (Das sowjetische Russland!).

JPEG - 596.2 kB

Aber erst in Havana findet man die rührendste Hommage des Vaters des Bolschewismus, in der Granma, dem offiziellen Organ der kubanischen kommunistischen Partei. Kaum zu widerstehen, sie hier nicht in Gänze zu übersetzen. "Anlässlich seines 140. Geburtstags gewinnt die historische Dimension seines Denkens und Handelns für einen x-beliebigen Studenten der Sozialwissenschaften von heute außerordentliche Bedeutung. Er war der Gründer einer neuen Zeit: er zog das zwanzigste Jahrhundert in eine ununterbrochene revolutionäre Bewegung, die dank Ausdauer und Heldenhaftigkeit im Umsturz des Zarismus und dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat gipfelte und überall in der Welt die revolutionären und emanzipatorischen Bewegungen beschleunigte. Über die grundlegenden Errungenschaften des Marxismus hinausgehend hat Lenin Sachen gefunden und etabliert wie die Theorie des Imperialismus, das letztendliche Ziel des Kapitalismus, eine Partei neuen Typs, die sozialistische Revolution und die Diktatur des Proletariats, die unlösliche Verbindung von nationaler und sozialer Befreiung, die Grundlagen friedlicher Koexistenz und die Wege des sozialistischen Aufbaus. Für jeden Revolutionär, ja für jeden ehrlichen Menschen auf Erden, bleiben Leben und Werk Wladimir Iljitsch Lenins Gegenstand andauernder Bewunderung. ". Uff! Wenn denn einer übrig geblieben ist, dann ist’s Kuba!

JPEG - 236.6 kB

Am selben Tag ehrte man in Spanien Juan Antonio Samaranch, den treuen Diener des olympischen Gedankens, der in seinem 90ten Lebensjahr gestorben ist. Tremoli der Stimmen oder vielmehr der Titel.

"Adieu dem großen Champion des modernen Olympia" grüßt ihn El Pais, ein Blatt das sonst wenig Neigung zeigt, alte Francoanhänger zu ehren.

"Dieser große Visionär und universeller Lenker", dieser " geniale Geopolitiker" war jedenfalls auch ein Würdenträger des Caudillo. Eine wenig schmackhafte Vergangenheit, deren Erwähnung er verabscheute.

Man musste an dem Tag schon die Webseite Rue 89 aufsuchen, wollte man eine nichtautorisierte Biographie dieser, je nach Gesichtswinkel, sympatischen oder abscheulichen Persönlichkeit lesen.

JPEG - 294.7 kB

Derweil beschimpften sich weidlich die Richter des obersten spanischen Gerichtshofs und der Richter Garzon: Jene bezichtigten diesen der Prevaricatio, d.i. der Amtsplichtverletzung, des Amtsmissbrauchs, während dieser jene geheime Hauptberater der Phalange (der francistischen extremen Rechten) nannte. Der berühmte Richter Garzon (nicht zuletzt berühmt wegen des Verfahrens gegen den General Pinochet) läuft Gefahr seines Postens in der Audiencia nacionale, der obersten Strafinstanz Spaniens, den er seit 22 Jahren innehat, enthoben zu werden. Just weil er es gewagt hat, Ausschreitungen des Francoregimes (114 000 Opfer) zu verfolgen und versucht hat, sie neuerlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen.

JPEG - 97.9 kB

Trotz Rückkehr zur Demokratie und Eintritt in die Europäische Union liegt über den vier Jahrzehnten des spanischen Faschismus ein bleiernes Gewicht. Richter Garzon hat Massengräber öffnen lassen, hat Archive ausgegraben, Zeugen vernommen, alles dies, um das kollektive Leid zu überwinden, vielleicht auch, um zwei bisher sich unvereinbar gegenüberstehende Länder in einem Land mit einander zu versöhnen. Die Gegner von Balthazar Garzon hören nicht auf ihn juristisch zu attackieren, damit er seine Nachforschungen einstellt, aber zehntausende seiner Anhänger gehen zu seiner Verteidigung auf die Straße.

Die Richter werden ihre Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen treffen. Und wie jeder weiß, ist die Justiz in ganz Europa unabhängig!

Währenddessen haben die Russen von heute, die der Versöhnung mit Europa und mit Polen, eine symbolische Handlung vollzogen. Dmitri Medwedjew hat tatsächlich verkündet, dass die Archive der Massaker von Katyn ins Internet gestellt wurden, das heißt, soweit sie nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen. Immerhin ein Anfang. Nur sind sie gegenwärtig leider, vielleicht wegen zu großen Andrangs, für gewöhnliche Sterbliche unzugänglich.